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Das Kraftwerk Moorburg in Hamburg
Experte
8. Juni 2015
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100 Tage erfolgreich in Betrieb: Kraftwerk Moorburg

Seit 100 Tagen versorgt das Kraftwerk Moorburg die Hansestadt Hamburg nun mit Strom. Am 28. Februar wurde der Block B der Doppelblockanlage offiziell in Betrieb genommen. Mathias Wiegand und Thomas Knop sind für die technische Steuerung der Anlage zuständig und erzählen von den ersten Erfahrungen im regulären Betrieb.

Herr Wiegand, Herr Knop, was ist Ihre Aufgabe im Kraftwerk Moorburg?

Mathias Wiegand: Meine Hauptaufgabe ist die technische Optimierung des Kraftwerks. Hierfür steht mir ein Bewertungsprogramm zur Verfügung, welches den Stromerzeugungsprozess überwacht – von der Kohleverbrennung im Kessel über die Turbine bis zur Prozesskühlung mit Kühlwasser. Die Ergebnisse geben uns die Möglichkeit, Optimierungspotenziale zu erkennen.

Thomas Knop: Ich baue das technische Berichtswesen auf und pflege es. Die daraus entstandenen Berichte werden anschließend von mir sowohl an innerbetriebliche Abteilungen als auch an die zuständigen Behörden übermittelt. Des Weiteren unterstützen wir die Kraftwerksleitung in der Anlagen-Einsatzplanung.

Bevor der Block in Betrieb ging, gab es eine lange Testphase während der Inbetriebsetzung. Was ist jetzt im Regelbetrieb anders?

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Thomas Knop und Mathias Wiegand im Kraftwerk Moorburg, Foto: Vattenfall

Mathias Wiegand: Die Inbetriebsetzung des Kraftwerks erfolgte gemeinsam mit den Fachkräften der Lieferanten und den Mitarbeitern des Neubauprojektes. Wir als Betriebsmannschaft haben diese Phase zur intensiven Einarbeitung und Betriebsvorbereitung genutzt: Mitarbeiter und Fremdfirmen mussten geschult, Liefer- und Serviceverträge abgeschlossen, die Abnahmen der Anlagen vorbereitet werden. Im Regelbetrieb haben wir jetzt komplett die Verantwortung für die Blockführung. Das heißt, wir haben jetzt die Vermarktung übernommen, stimmen zusammen mit dem Lastverteiler den Kraftwerkseinsatz ab, beauftragen die Wartungen und sind für die Einhaltung von Grenzwerten verantwortlich.

Thomas Knop: Seit Aufnahme des Regelbetriebes kommen zudem erheblich mehr Anfragen, sowohl aus den Abteilungen von Vattenfall als auch von Behörden.

Können Sie kurz erläutern, wie die Abfrage durch den Lastverteiler zustande kommt? Wie wird entschieden, ob Sie mit der Anlage Strom produzieren und wie viel?

 Thomas Knop: Es gibt lang- und kurzfristige Planungsrunden, zudem mehrere Telefonate täglich mit dem Lastverteiler: Zum einen informieren wir über den technischen Zustand der Anlage; auf der anderen Seite erfahren wir, in welcher Höhe wir mit dem Kraftwerk aufgrund der Prognosen Strom-Erlöse erzielen können.

Mathias Wiegand: Wir haben für den Lastverteiler eine Übersicht erstellt, in der die wichtigsten technischen Daten aufgelistet sind, zum Beispiel der Wirkungsgrad des Kraftwerks oder wie viel Zeit wir für das Hochfahren des Kraftwerks benötigen. Mit dieser Übersicht kann der Lastverteiler unsere Einsatzkosten berechnen und dann mit uns den Einsatz abstimmen.

Wie lange dauert es, die Anlage hoch zu fahren? Wie flexibel ist ihr Einsatz?

Thomas Knop: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, denn es hängt davon ab, wie lange die Anlage zuvor stand. Nach einem kurzen Stillstand geht das Wiederanfahren relativ schnell, nach einem längeren dauert es entsprechend länger.

Während der Block in Betrieb ist, lässt sich die Anlage in wenigen Minuten von Schwachlast zu Volllast und umgekehrt fahren.

Mathias Wiegand: Die Flexibilität des Kraftwerks ist auch kein fester Wert, sie wird über dessen Lebensdauer sicherlich immer weiter verbessert werden. Wir sind mittelfristig sicher in der Lage, mit beiden Blöcken die Leistung von etwa 400 Windrädern binnen weniger Minuten zu kompensieren, wenn diese nicht verfügbar sind.

Wie hoch ist der Anteil des Kraftwerks an der Deckung des Strombedarfs der Hansestadt? Wird das Kraftwerk wirklich gebraucht?

Produktionsübersicht Kraftwerk Moorburg von März bis Mai 2015, Grafik: Vattenfall

Mathias Wiegand: In den ersten drei Monaten, von März bis Mai, deckte der Block B im Durchschnitt 31 % des Hamburger Strombedarfs. Unseren Höchstwert hatten wir im April mit 40 %.

Thomas Knop: Das Kraftwerk wird aus meiner Sicht aus mehreren Gründen benötigt: Zum einen natürlich, um Hamburg sicher mit Strom zu versorgen und zum anderen, um das Stromnetz stabil zu halten. Mit dem Abgang des letzten Kernkraftwerks wird es im norddeutschen Raum keinen großen Versorger mehr geben, der die Aufgabe der Netzstabilisierung durchführen kann.

 Mathias Wiegand:  Schon heute ist das Kraftwerk sehr wichtig für die Netzstabilität. Ein Beispiel: Zurzeit befindet sich das Kernkraftwerk Brokdorf in einer Revision, weshalb wir auf Anforderung des Netzbetreibers – trotz phasenweise zu geringer Strompreise – weiterhin in Betrieb bleiben. Nach dem vollzogenen Atomausstieg nimmt dieser Aspekt noch an Bedeutung zu.

Was machen Sie, wenn die Anlage nicht vom Lastverteiler angefragt ist?

 Mathias Wiegand: Wir nutzen diese Phasen unter anderem, um Betriebsdaten der Vergangenheit auszuwerten, um die Stromerzeugung in Zukunft immer noch ein bisschen effizienter zu machen.

Thomas Knop: Die Berichte müssen dennoch ausgefüllt werden, da das Kraftwerk dann aus dem 380-kV-Netz versorgt wird. Daneben wird  auch die tägliche Einsatzplanung mit dem Lastverteiler weitergeführt.

Thomas Knop und Mathias Wiegand
Experte
8. Juni 2015

Thomas Knop: Ich bin gelernter Techniker und M-Kraftwerker und seit 1986 im Unternehmen. Seit 2010 bin ich hier am Standort Moorburg für die Technische Steuerung und für spezielle Projekte z. B. die Einführung von Software zuständig. Zuvor habe ich diese Arbeiten zehn Jahre im Kraftwerk Wedel durchgeführt. Mathias Wiegand: Seit 2008 arbeite ich bei Vattenfall. Nach meinem Studium der Energietechnik an der TU-Harburg arbeitete ich zuerst für die Fernwärme-Hamburg. Seit 2010 bin ich im Kraftwerk Moorburg für die technische Optimierung verantwortlich.

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