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Hohenzollerndamm | Foto: Reiner Freese
Experte
3. November 2015
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Wie der Baustellenatlas für staufreie Fahrt durch Berlin sorgen soll

Berlin ist die Hauptstadt der Baustellen. Ist eine fertig, folgt kurze Zeit später eine neue. Für weniger Stau und besseres Durchkommen soll künftig der Baustellenatlas sorgen, die digitale Lösung von „Infrest“ in Berlin. 

Infrestwebpage

Die infrest-Infrastruktur eStrasse GmbH informiert online unter www.infrest.de über die Angebote eStraße und den Baustellenatlas, Quelle: www.infrest.de

„Die Zukunft digital zu gestalten, ist bei uns nichts Neues“, sagt Frank Bebernick, Leiter des Bereiches Trassenmanagement und Grundstücksnutzung beim Netzservice von Vattenfall. Er vertritt den Unternehmensbereich bei der Infrest. „Seit 2004 gibt es die Planung einer Kooperation zwischen den Leitungsbetreibern in Puncto E-Government-Projekte.“ Zu diesem Zeitpunkt keimte auch die Idee nach einer Planungskarte auf.

2009 schlossen sich dann die vier Leitungsnetzbetreiber und die Verwaltung der Stadt Berlin zusammen und erstellten eine gemeinsame Anwendung für Leitungsanfragen. „Bis dahin musste jeder, der in Berlin bauen wollte, bei jedem Leitungsbetreiber einzeln einen Leitungsplan abfragen“, so Bebernick. „Mit dem Projekt eStrasse, einer gemeinsamen Webanwendung, in der mit einer einzigen Anfrage eine Antwort von allen betroffenen Leitungsnetzbetreiber über die Leitungen und Anlagen im Erdreich erteilt wird, haben wir in Berlin den ersten Schritt zur digitalen Auskunftsdatei erarbeitet.“ Seit 2011 ist diese Anwendung in Betrieb.

Transparenter Austausch spart Kosten und Nerven

Der Baustellenatlas gibt Überblick über alle geplanten Baustellen, Foto: Vattenfall

Der Baustellenatlas gibt Überblick über alle geplanten Baustellen, Foto: Vattenfall

„Der Baustellenatlas ist eine logische Weiterentwicklung“, erklärt der Netzer. „Wir haben uns natürlich gefragt, wie wir die Daten noch besser nutzen können. Ein transparenter Austausch der einzelnen Planungen spart allen Beteiligten Kosten und dem Bürger Nerven“, fasst Bebernick den Grundgedanken zusammen. Allein rund 600 größere Baustellen und ca. 5.000 Kleinstbaustellen im Jahr errichtet der Netzservice für die Instandhaltung des Berliner Stromnetzes im Auftrag der Stromnetz Berlin. Der Bereich Wärme betreibt zudem Fernwärmenetze mit insgesamt rund 1.900 Kilometern in der Stadt. Und jedes Jahr kommen mehrere Kilometer hinzu.

Beide Unternehmensbereiche bringen ihre Erfahrungen ein und arbeiten engagiert am Ausbau der Anwendung. Künftig sollen hier alle Bauprojekte im öffentlichen Raum schon in der Planungsphase eingetragen werden. Dazu hat sich der Kreis der Beteiligten NBB, Berliner Wasserwerke und den beiden Vattenfall-Bereichen zunächst um die BVG und Alliander Stadtlicht erweitert. „Basis des Atlas ist eine Stadtkarte auf der die geplanten Bauaktivitäten eingezeichnet werden. Zudem können ganz einfach weitere Angaben wie geplanter Zeitraum, Beschreibungen der Tätigkeiten und Ansprechpartner hinterlegt werden“, erklärt Bebernick.

Doppelte Arbeiten sind unnötig

Im Baustellenatlas werden die verschiedenen Planungen der Beteiligten mit unterschiedlichen Farben dargestellt, so sieht eine Eintragung aus, Foto: Vattenfall

So sieht eine Eintragung aus: Die verschiedenen Planungen der Beteiligten werden mit unterschiedlichen Farben dargestellt, Foto: Vattenfall

Überschneiden sich örtlich und zeitlich Planungen, gebe es eine E-Mail an die eingetragenen beteiligten Firmen. „So besteht die Möglichkeit, die Aktivitäten zu koordinieren.“ Das vermeide doppelte Bauarbeiten und bringe Zeit- und Kostenersparnisse. „Zwar könnte die Bauzeit für die koordinierte Maßnahme länger sein als Einzelmaßnahmen, dafür ist alles komplett erledigt.“

Die Einträge im Atlas können stetig aktualisiert werden, sodass sie eine verlässliche Planungsbasis für alle Beteiligten bieten. „Es ärgert mich persönlich, wenn die Oberfläche zum zweiten Mal aufgerissen werden muss, obwohl diese gerade von einem anderen Bauträger hergestellt worden ist“, sagt der Berliner. „Das ist einfach unnötig. Zudem bin ich Bürger dieser Stadt und freue mich immer, wenn eine Baustelle dauerhaft weg ist.“

Probe-Echtbetrieb bis Ende 2016

Anwendungsansicht

Aktuell läuft der Probebetrieb der Anwendung, auch bei Vattenfall, Foto: Vattenfall

Bis zum 31.12.2016 läuft der Baustellenatlas im Probebetrieb. In dieser Zeit soll das System optimiert werden und sein Potenzial zeigen. „Wir haben einen Plan, aber das sind theoretische Betrachtungen, die sich nun in der Praxis bewähren müssen“, erläutert Bebernick. „Der Nutzen zeigt sich frühestens in einem Jahr“, bremst er die Erwartungen. In der Regel dauern die Vorbereitungen für die eingetragenen Baustellen sogar noch länger. „Von der Planung über die Koordination hin zur Genehmigung und Umsetzung ist es ein weiter Weg. Erst, wenn die Prozesse einmal komplett durchlaufen wurden, zeigt sich der Nutzen auch auf der Straße.“ Zusätzlich lassen sich dann im Atlas auch die Sperrfristen, die sogenannten Aufgrabeverbote, nachvollziehen. Nach dem Berliner Straßengesetz dürfen Bürgersteige nur alle drei und Straßen nur alle fünf Jahr aufgegraben werden – Ausnahmen sind möglich.

Digitale Plattform für Planung im öffentlichen Raum

Bebernick sieht noch viele Ausbaumöglichkeiten für die digitale Anwendung. So könnten Veranstaltungen wie Straßenfeste mit aufgeführt werden, um hier Beeinträchtigungen in der Verkehrsführung zu minimieren. Weitere Nutzer des öffentlichen Raumes würden ihre Maßnahmen hier hinterlegen und mit allen weiteren Planungen koordinieren. „Eine Schnittstelle mit dem Verkehrsleitsystem optimiere zudem die Planung von Umleitungen“, so Bebernick. Aber zunächst einmal muss der Probebetrieb erfolgreich laufen.  „Danach kann das System ausgeweitet werden.“

 

Die Infrest:

Die infrest-Infrastruktur eStrasse GmbH ist ein Tochterunternehmen der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG (67,36 %), der Vattenfall Europe Netzservice GmbH (16,32 %) und der Vattenfall Europe Wärme AG (16,32 %).

Entstanden ist die infrest 2006 im Rahmen eines Public Private Partnership (PPP) Projektes eStrasse, welches die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen ins Leben gerufen hat. Ergänzend zu diesem PPP-Modell wurde zwischen der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, den drei Tiefbau- und Landschaftsplanungsämtern (heute Straßen- und Grünflächenämter) den Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick und den vier Leitungsnetzbetreibern Berliner Wasserbetriebe, NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH Co. KG, Vattenfall Europe Netzservice GmbH und Vattenfall Europe Wärme AG ein Kooperationsvertrag geschlossen, um das Portal eStrasse gemeinsam zur Produktionsreife voranzutreiben und die gute Zusammenarbeit aller zu sichern. Die Kooperation ist mit der Übernahme der Betreiberverantwortung der infrest planmäßig beendet worden.

Basierend auf den positiven Erfahrungen im Public Private Partnership-Modell, führen die ursprünglichen Kooperationspartner, weitere Organe der Berliner Verwaltung sowie neu hinzugekommene Leitungsnetzbetreiber (​bspw. Berliner Verkehrsbetriebe, Deutsche Telekom Technik GmbH T-NL Ost) und Verbände (bspw. IHK Berlin) die Zusammenarbeit fort und bauen diese aus.

Frank Bebernick
Experte
3. November 2015

1982 habe ich in diesem Unternehmen meine Ausbildung begonnen und war zunächst fast ein Jahrzehnt in der Bauleitung tätig, bevor ich in die Sonderkundenbetreuung des Kundenmanagements beim DSO, dem Verteilnetzbetreiber, wechselte. Seit dem Abschluss meines berufsbegleitenden Betriebswirtschaftsstudiums leite ich das Trassenmanagement des Netzservice. In dieser Position nehme ich auch die Funktion des Vorsitzenden des Fachausschusses Baustellenkoordinierung bei der infrest wahr, bei der wir Gesellschafter sind. Obwohl ich viel Spaß an meiner Arbeit habe liegt meine wahre Leidenschaft im Familienleben und beim Badminton.

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