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Heidschnucken beim Kraftwerk Klingenberg
Experte
19. Mai 2017
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Berliner Luft für Heidschnucken aus Brandenburg

Ökologische Rasen-Mäher am Heizkraftwerk Klingenberg im Einsatz

Seit Anfang Mai weiden weiße gehörnte Heidschnucken aus dem brandenburgischen Stolzenhagen auf einem brachliegenden Kraftwerksgelände in Berlin-Rummelsburg und fungieren dort als Landschaftspfleger und ökologische Rasenmäher.

Kraftwerksleiter Harald Flügel und der Schäfer Karl-Heinz Freitag auf dem zu mähenden Gelände des Kraftwerks Klingenberg, Foto: Reiner Freese

Genussvolles Stadtleben

Rund 60 Kilometer Fahrt haben die zehn weiblichen Heidschnucken von Schäfer Karl-Heinz Freitag an diesem Morgen hinter sich. Und bei ihrer Ankunft regnet es auch noch. Doch die Damen schauen ganz entspannt drein und grüßen mit einem kräftigen Mäh. Warum sollten sie auch aufgeregt sein, so der Schäfer, schließlich wartet auf die Muttertiere in den kommenden sechs Wochen ein genussvolles Leben in der Stadt. Genauer gesagt am Vattenfall Heizkraftwerk Klingenberg in der Köpenicker Straße.

Ideale Landschaftspfleger

Doch was machen Heidschnucken auf einem Kraftwerksgelände? Sabine Fitzner von der Vattenfall Wärme Berlin: „Wir haben nach einer Lösung gesucht, wie wir das zwei Hektar große und brachliegende Fläche an der Spree nachhaltig und umweltfreundlich pflegen können. Und im Gespräch mit Kollegen kam uns die Idee, Schafe als ökologische Rasenmäher einzusetzen.“ Ein Anruf beim Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg genügte und schnell war Schäfer Karl-Heinz Freitag aus Stolzenhagen bei Wandlitz bereit, seine Heidschnucken am Kraftwerk grasen zu lassen. Überrascht habe ihn die Anfrage keineswegs, sagt er. Immerhin weiden seine Tiere auch an einer anderen Stelle in der Stadt und er weiß, dass sie als Landschaftspfleger immer mehr gefragt sind. Denn ihr sogenannter Verbiss ist sehr intensiv. Das heißt, sie können mit ihrem Maul Pflanzen ganz dicht über dem Erdboden abfressen und ein schnelles Weiterwachsen wird verhindert. Ohne diese Pflege würden wertvolle Landschaften verbuschen und zuwuchern. Zudem festigt ihr Tritt den Boden. Karl-Heinz Freitag bringt es auf den Punkt: „Schafe sind Naturschutz pur.“

Genügsame Heidschnucken

Für die Weidefläche am Heizkraftwerk hat er aus seiner Schafherde zehn weiße Gehörnte Heidschucken ausgewählt. Die Rasse, so erzählt er, ist für solches Terrain der ideale Landschaftspfleger. Sie sind genügsam, nicht anspruchsvoll und schnell anpassungsfähig. Dennoch hat er die Muttertiere in den vergangenen Wochen gut auf ihr neues Zuhause vorbereitet. Schließlich bedarf es etlicher behördlicher Genehmigungen und gesundheitlicher Untersuchungen, um Schafe hier grasen zu lassen. Auf dem Grundstück wurden Zäune aufgestellt, Gefahrenstellen beseitigt und ein Unterstellplatz für die Heidschnucken geschaffen. Mit einem verschmitzten Lächeln schiebt er nach: „Auch eine Maniküre haben sie noch bekommen. Sollten ja schick sein für ihren Stadtausflug.“

Die Gewächshäuser neben dem Kraftwerk Klingenberg 1929, Quelle: Vattenfall

Wer soviel Wolle hat, muss in den Schatten… Foto: Reiner Freese

Leckerbissen am Kraftwerk

Und der scheint den Heidschnucken, die übrigens auf der Roten Liste der gefährdeten Haustierrassen stehen, auch zu gefallen. Neugierig erkunden sie die neue Umgebung, schnuppern genüsslich Berliner Luft und lassen sich dabei schon mal die ersten Leckerbissen wie Schachtelhalm, Disteln, Echter Wundklee, Peden und Straußgras schmecken. Der Tisch ist für sie auf dem alten Kraftwerksgelände also reich gedeckt. Schäfer Freitag ist sich sicher, dass sich die Tiere einleben und wohlfühlen. Er selbst wird fast jeden Tag vorbeikommen und nach ihnen schauen. Denn es könne durchaus passieren, dass Lämmer geboren werden.

Klingenberger Heidschnucken, Foto: Bärbel Arlt

Schäfer voller Leidenschaft

Insgesamt kümmert sich Karl-Heiz Freitag in Stolzenhagen um 65 Muttertiere, vier Zuchtböcke und sieben Pensionspferde. In diesem Jahr werden rund 40 Lämmer erwartet. Der Job des Schäfers, so sagt der 67-Jährige, habe mit Romantik überhaupt nichts zu tun und die wolligen Vierbeiner seien auch keine Kuscheltiere. Die Arbeit mit den Tieren ist hart. Es gibt weder feste Arbeitszeiten noch freie Wochenenden und Feiertage. Und zur Lämmerzeit hat ein Arbeitstag schon mal 24 Stunden. Deshalb ist der Beruf des Schäfers auch vom Aussterben bedroht. Doch Karl-Heinz Freitag kann aufatmen. Seine Tochter Isabelle möchte nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin die Schaftzucht im Nebenerwerb weiterführen. Und Papa wird sie dabei unterstützen.

Karl-Heinz Freitag
Experte
19. Mai 2017

Schon als Kind mochte ich Tiere. Mein Großvater hatte auf der Insel Rügen eine Landwirtschaft mit Schafen, Ziegen und Pferden und ich bin mit ihnen aufgewachsen. Schon damals war mir klar, dass auch ich mal Landwirt werden möchte. So absolvierte ich eine landwirtschaftliche Berufsausbildung mit Abitur. Als Diplomlandwirt für industrielle Tierproduktion arbeitete ich viele Jahre in der Schweinezucht. Doch Schafe hatten es mir immer angetan und waren mein Hobby. Vor rund zehn Jahren packte ich dann die Gelegenheit beim Schopf und wechselte von der Schweine- zur Schafzucht.

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