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Experte
2. August 2017
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Blockchain im Stromhandel – Feldversuch gestartet

Vattenfalls Business Area Markets hat – zusammen mit 25 anderen Unternehmen – eine Machbarkeitsstudie zur Erprobung der Blockchain-Technologie gestartet. Ziel ist es, mehr über diese noch recht junge Technologie zu lernen und Anwendungsfälle für die Praxis des Stromhandels zu testen. Welche Bedeutung die Blockchain-Technologie in der Zukunft für den Strommarkt bekommen kann, erläutert Kilian Leykam, Manager Business Development Trading.

Blockchain scheint zurzeit ein Trendthema zu sein – was verbirgt sich eigentlich dahinter?
Ja, Blockchain wird häufig als die interessanteste und bahnbrechendste Technologie der nächsten Jahre bezeichnet. Das bekannteste Beispiel ist die Internetwährung Bitcoins, die sogar bereits von Unternehmen eingesetzt wird. Mit Blockchain können Handelspartner Wirtschaftsgüter tauschen. Dabei sind keine Vermittler wie eine Bank beteiligt. Für uns bedeutet das dann, dass Vattenfall und andere Unternehmen Energie kaufen und verkaufen können, ohne den Umweg über eine zentrale Strombörse gehen zu müssen. Das spart letztlich Geld.

Wie läuft denn ein Energiehandel ab, wenn ich eine bestimmte Menge Strom handeln will?
Aktuell werden im Grosshandelsmarkt als kleinste Einheit Megawatt gehandelt. Das ist weniger eine technische Frage – für kleinere Mengen sind die Kosten für eine Transaktion schlicht zu hoch. Das ist leicht zu verstehen, wenn man sich den Aufwand für eine Transaktion einmal genauer ansieht: Am Handel einer bestimmten Strommenge sind diverse Seiten beteiligt: der Erzeuger, der Verbraucher, die Strombörse, der Regulator, der Netzbetreiber und eine Bank zur Absicherung einer Transaktion. Zwischen allen Teilnehmern muss der Handel jeweils bestätigt werden, d.h. über alle Bestandteile des Handels müssen am Ende gesicherte und identische Informationen bei allen Teilnehmern vorliegen.

… und wenn man den Handel auf unserer Seite betrachtet?
Wir handeln entweder an Energiebörsen oder direkt mit anderen Unternehmen über Broker und Brokerplattformen. Insgesamt führen wir im Durchschnitt rund 1.400 Transaktionen pro Tag durch – alle Energieprodukte und alle Märkte zusammen genommen. Jede versursacht Transaktionskosten und muss in unseren Handels-, Berichts- und Controllingsystemen verarbeitet werden.

Inwiefern würde der Weg über Blockchain hierbei etwas ändern?
Die Blockchain-Technologie dient schlicht dazu, diese Prozesse zu automatisieren, sie schneller und effizienter ablaufen zu lassen. Wenn wir in der Lage wären, die Blockchain-Technologie für die Energiemärkte zu nutzen, dann wären wir in der Lage, effizienter und mit geringeren Transaktionskosten zu arbeiten. Letztlich ist das der Schlüssel dazu, kleinere Strommengen handeln zu können.

Heißt das, ein Betreiber einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach seines Haus könnte seinen eigenerzeugten Strom direkt an einen Marktteilnehmer, zum Beispiel an Vattenfall, verkaufen?
So ungefähr. Er kann allerdings seinen Strom dann nicht nur an Vattenfall, sondern zum Beispiel auch an seinen Nachbarn verkaufen. Wenn die Kosten für eine einzelne Transaktion sinken und diese deutlich schneller durchgeführt wird als heute, dann könnten wir auch dezentral erzeugten Strom handeln, der von Privathäusern mit Solarmodulen geliefert wird. Diese Technologie hat also das Potenzial, zu einem wichtigen Puzzleteil der Energiewende zu werden.

Wie werden denn kleine Mengen dezentral erzeugten erneuerbaren Stroms heute gehandelt?

Im Moment gibt es in Deutschland nicht die Möglichkeit, direkt Strom zwischen Privatkunden zu handeln. Deshalb wird der Strom aus dezentralen Anlagen von Händlern wie Vattenfall aggregiert und dann auf dem Großhandelsstrommarkt verkauft. Weltweit gibt es allerdings einige interessante Projekte, die diesen dezentralen Handel bereits erlauben. Zum Beispiel hat Vattenfall in den Niederlanden mit Powerpeers einen Marktplatz für die dezentrale Energie aufgebaut.

Was ist das Ziel der Studie?
Erst mal wollen wir gucken, ob es überhaupt funktioniert – und unter welchen Voraussetzungen. Wir wollen auch selber unsere Erfahrungen sammeln, wie man eine Blockchain betreiben kann. Wir können uns auch vorstellen, mehrere Anwendungsfälle auszuprobieren, z.B. Stromhandel von Nachbar zu Nachbar.

Was wird genau in der Studie untersucht? Worauf schauen wir besonders?
Im Wesentlichen geht es um vier Aspekte: Erstens geht es um die Frage, ob man Transaktionen auf der Blockchain abbilden, d.h. speichern kann. Die Frage können wir im Grunde heute schon mit Ja beantworten. Zweitens wollen wir wissen, in welcher Geschwindigkeit diese Prozesse ablaufen können. Reicht diese Geschwindigkeit für unsere Vorgaben aus? Letztlich ist auch die Geschwindigkeit die Voraussetzung dafür, ob und in welchem Maß man in Zukunft dezentrale Energien handeln kann. Je schneller die Transaktionen abgewickelt werden können, umso besser können wir kleinere Mengen handeln. Und drittens geht es um die Fragen der Datensicherheit: Zwischen bestimmten Teilnehmern des Handels brauche ich Anonymisierung, zwischen anderen nicht. Bestimmte Informationen müssen für bestimmte Teilnehmer öffentlich sein, für andere jedoch nicht. Das muss sichergestellt sein. Schlussendlich geht es aber natürlich auch darum, herauszufinden, inwieweit wir mit der Blockchain unseren Handelsprozess verschlanken und effizienter gestalten können.

Wie lange läuft die Machbarkeitsstudie, was ist noch zu tun und wie wird das Live-Trading aussehen?
Die Studie wird noch bis Ende des Jahres laufen. Bis dahin hoffen wir, genug Erfahrungen gesammelt zu haben, um ein Live Trading starten zu können. Dann werden wir an einem konkreten Anwendungsfall mit Marktteilnehmern einen realen Handel durchführen. Bis dahin gibt es aber noch zahlreiche – auch regulatorische – Fragen zu klären. Wenn wir dann in allen Punkten ein „Ok“ haben, könnten wir mit dem Live Trading im späten Herbst beginnen. Und dabei sind wir nicht allein: Weitere Energieunternehmen arbeiten an diesem Projekt mit – das ist im Grunde eine breite Industrieinitiative.

Welche Anwendungen sind zukünftig noch denkbar, wenn die Erfahrungen im Feldversuch in Summe positiv ausfallen ?
Definitiv beim Handel mit regenerativen Energien: Bei der Vermarktung von Wind und Sonne habe ich sehr viel kürzere Zeitfenster; die Erzeugung fluktuiert sekündlich. Hier kann die Blockchain-Technologie ermöglichen, diese kleinen Mengen in kurzen Zeitabständen zu handeln.

Wie sind die Chancen, Blockchain mittelfristig im Energiehandel einzusetzen?
Ich sehe definitiv ein großes Potenzial. Es wird aber noch einige Jahre dauern, die Blockchain-Technik für Standardprozesse zu etablieren. Optimistisch betrachtet kann man hier von mindestens drei Jahren ausgehen.

Links

3. Blockchain-Tag für die Energiewelt am 5. September 2017
Unternehmen und Banken entwickeln Blockchains, Handelsblatt 13.07.2017

Relevante Themen im Blog

Blog: Big Bang-Theorie und Energiehandel vom 12.05.2017
Blog: Blockchain: Diesen Trend will niemand verpassen vom 27.01.2017
Blog: Alltagstaugliche Energiewende vom 23.05.2016

Kilian Leykam
Experte
2. August 2017

Bereits im Studium der Wirtschaftswissenschaften, Politik und Recht in St. Gallen habe ich mich mit dem Energiehandel beschäftigt, insbesondere mit Fragen der Versorgungssicherheit und der Europäischen Integration des Gasmarktes. Seit 2009 bin ich bei der Vattenfall Energy Trading, zunächst als Analyst, dann als Trader und seit 2016 als Manager Business Development Trading. Hier bin ich u.a. für die strategische Ausrichtung unseres Energiehandels verantwortlich, aber auch, die Entwicklung von innovativen Handelsplattformen wie die Blockchain voranzutreiben.

  • Lieber Kilian,

    über Twitter bin ich gerade über euren Beitrag gestolpert (bzw. dessen Kommentierung). Für den Verbraucher kommt im spätestens im Jahre 2018 das Thema Regionalstrom auf die Einkaufsliste. Hier bietet spielt die Energy Blockchain bereits heute ihre Dienste voll aus, wie man am Beispiel von uns vielleicht erkennen kann: https://fury.network/ipfs/QmWeTsbUca1qEFEFED3af2R5MpZdJ3Lsor4P7emkuNx7e3/base.html – (Als Postleitzahl zum Beispiel: 10117 verwenden, da dort auch Kunden & Anlagen vorhanden sind). Ein anderes Beispiel, welches ich hier ans Herz legen möchte anzuschauen, ist die Infrastrukturumlagen, die unter https://demo.stromdao.de/showcase/sc_infra_frm.html angeschaut werden kann und real die Kosten/Abschreibung einer Erzeugungsanlage auf die Nutzer umlegt.

    Gruß,
    Thorsten

    • Ajay

      0x7d0D8B80e304bC7d5Afda8D91E431DD2523eE439 Do you know much about this gold union coin plus

    • Vattenfall Deutschland

      Hallo Herr Zoerner,
      vielen Dank für das Interesse an unserem Blog und die Links zur StromDAO (DAO: Decentralized Autonomous Organization). Ich stimme Ihnen zu: Neben dem OTC (OTC: Over The Counter-Stromhandelsprodukte) und dezentralem Handel ist Regionalstrom einer der klaren Anwendungsfälle für die Blockchain im Strommarkt. Freundliche Grüße, Kilian Leykam

  • stefan thon

    Sehr interessant. Wer führt die Studie durch? Oder machen Vattenfall und die 25 Partner das mit Bordmitteln?

    • Vattenfall Deutschland

      Hallo Herr Thon,
      das Projekt wird gemeinsam von Beschäftigten der teilnehmenden Energieunternehmen und der Hamburger Software Firma Ponton durchgeführt.
      Freundliche Grüße, Kilian Leykam

      • stefan thon

        Na dann viel Erfolg!

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