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Tuomo Hatakka
Experte
15. November 2017
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Dekarbonisierung aller Sektoren

Zur Erreichung der Klimaziele bedarf es mehr als einer Stromwende. „Wir brauchen die Dekarbonisierung aller Sektoren, und das bedeutet: Wir brauchen auch eine Wärmewende und eine Transportwende", sagt Vattenfall Deutschland-Chef Tuomo Hatakka im Gespräch mit der Onlineplattform energate. Aus seiner Sicht führt kein Weg an einem Kohleausstieg vorbei.

Vattenfall stellt sich konsequent für die neue Energiewelt auf. Unabhängig von den Inhalten eines Koalitionsvertrages ist dabei maßgeblich, wie das Unternehmen selbst handelt. In Berlin zum Beispiel steigt Vattenfall bis 2030 aus der Kohle aus. Im Interview mit Gerwin Klinger von der Onlineplattform für Energienachrichten energate sagt Deutschland-Chef Tuomo Hatakka, dass Vattenfall besonders bei der Dekarbonisierung der Berliner Wärmeversorgung vorangehen will. Das Interview erschien zuerst bei energate:

Tuomo Hatakka, auf dem Verhandlungstisch der Koalitionäre liegt eine umfangreiche energie- und klimapolitische Agenda. Unter anderem geht es um die Frage eines Kohleausstiegs. Wie steht der Vattenfall-Konzern dazu, nachdem er sich von der Lausitzer Braunkohle getrennt hat?

Tuomo Hatakka: Wenn Jamaika kommt, glaube ich, dass es beim Thema Energiepolitik eine grüne Handschrift in den Koalitionsvereinbarungen geben wird. Man kann aber bereits jetzt sagen, dass wir uns de facto in einem Kohleausstieg befinden, denn niemand wird heutzutage unter den aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland neue Kohlekraftwerke bauen. Es geht jetzt darum, wie schnell dieser Kohleausstieg realisiert wird. Das wird eine Rolle spielen in den Koalitionsvereinbarungen. In diesem Zusammenhang sollte auch die Strukturwandel-Kommission ihre Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen, um Nachteile für die betroffenen Regionen so gering wie möglich zu halten. Unabhängig von den Inhalten eines Koalitionsvertrages ist für uns als Unternehmen jedoch maßgeblich, wie wir selbst handeln. Zum Beispiel in Berlin steigen wir bis 2030 aus der Kohle aus.  

Es wird eine Reihe von Instrumenten gehandelt, um einen Braunkohleausstieg und die Klimaziele zu erreichen. Eines ist eine stärkere CO2-Bepreisung, entweder durch einen Mindestpreis oder durch eine nationale CO2-Steuer. Wie stehen Sie dazu?

Die Kohlendioxid-Reduktion muss grundsätzlich weiter vorankommen. Ich habe nach wie vor eine gewisse Hoffnung, dass das auf EU-Ebene im Rahmen des Emissionshandelssystems funktioniert. Deshalb halte ich nichts von gesetzlich festgelegten Preisen für CO2 auf nationaler Ebene. Was ich mir aber gut vorstellen kann, ist eine CO2-Steuer im Non-ETS-Bereich, um den CO2-Ausstoß von dezentralen Heizungen zu reduzieren. Da besteht Handlungsbedarf. Zur Erreichung der Klimaziele wird eine Stromwende, so wie sie hierzulande in den vergangenen 20 Jahren erfolgreich praktiziert wurde, jedoch nicht reichen. Wir brauchen die Dekarbonisierung aller Sektoren, und das bedeutet: wir brauchen auch eine Wärmewende und eine Transportwende. Damit ergeben sich auch zahlreiche Chancen für weiteres Wachstum.

Birgt ein Kohleausstieg, der parallel zu Ausstieg aus der Atomkraft in Gang gesetzt wird, nicht zusätzliche Risiken für die Versorgungssicherheit, die dann mit einem Kapazitätsmechanismus beantwortet werden müssten?

Unsere Analysen legen diesen Schluss nicht unbedingt nahe. Wichtig ist, dass alle Akteure hier ein gemeinsames Verständnis der relevanten Zahlen haben. Wir sollten eine ehrliche und marktorientierte Debatte führen und nach volkswirtschaftlich vertretbaren Lösungen suchen, denn dafür ist noch genug Zeit. Noch muss hier nichts übers Knie gebrochen werden. 

Eine Reform des Systems aus Umlagen, Steuern und Abgaben gilt allgemein als unausweichlich. Nur: Wie sollte sie Ihres Erachtens aussehen?

Bislang zahlen vor allem die Stromkunden die Kosten für die Energiewende. Diese Kosten sollten auf den Verbrauch von Öl, Gas und Kohle umgelegt werden. Dadurch würde Strom konkurrenzfähiger, wodurch die Dekarbonisierung aller Sektoren vorankommt. Grundsätzlich halte ich alle Maßnahmen für geeignet, die uns diesem Ziel näher bringen. 

Ihr Unternehmen (lässt die Atom- und Kohlezeiten hinter sich und) erfindet sich gerade neu als Energiewende-Konzern. Wie sollte es in Deutschland beim Erneuerbaren-Ausbau und -Förderung weitergehen?

Innerhalb einer Generation wollen wir unser Geschäft CO2-frei  betreiben und unseren Kunden den Konsum CO2-freier Energie ermöglichen.  Die Energiewende wird dynamisch weiter gehen und fossile Kapazitäten werden weniger werden. Deshalb brauchen wir perspektivisch mehr erneuerbare Erzeugung, insbesondere Offshore-Wind. Ich glaube jedoch nicht, dass wir komplett auf die Förderung der Erneuerbare verzichten können, aber sie wird deutlich geringer.

Ein großer Themen-Komplex ist die Wärmewende. Hier wird gerade im Berliner Wärmemarkt einiges von Vattenfall erwartet, zumal sich ihr Unternehmen zu den Berliner Klimazielen bekannt hat. Wie stellt sich Ihr Unternehmen da auf ein?

Wir werden in Berlin bis 2030 aus der Kohle aussteigen, d.h. wir werden Kohle als Brennstoff in unseren KWK-Anlagen durch Alternativen ersetzen. In den kommenden fünf Jahren investieren wir pro Jahr durchschnittlich 200 Millionen Euro in die Berliner Wärme, unter anderem 325 Millionen Euro in den Neubau des  Gas- und Dampfturbinenkraftwerks Marzahn. Der Wärmesektor hat einen Anteil von mehr als 30 Prozent an den deutschen CO2-Emissionen. Die Wärmewende – sowohl zentral als auch dezentral – ist eine große Chance.

Große Erwartungen bestehen beim Thema Sektorkopplung. Über den Power-to-X-Ansatz soll erneuerbarer Strom für die Bereiche Verkehr und Wärme verfügbar gemacht werden. Wo sieht Vattenfall hier Potenziale?

Richtig, es geht um die Nutzung erneuerbarer Elektrizität und damit die Dekarbonisierung der Sektoren Verkehr und Wärme. Potenziale sehen wir hier kurz- bis mittelfristig im Bereich Power-to-Heat und zusätzlich langfristig auch im Bereich Power-to-Gas. Wir haben diese Woche mit dem Bau der größten Power-to-Heat Anlage Deutschlands auf dem Gelände des Kraftwerks Reuter West in Berlin begonnen, mit einer installierten Leistung von 120 MW. Unser Ziel ist es, Berlin zur größten Batterie für Erneuerbare zu machen.

Zum Original-Artikel von Gerwin Klinger bei energate

 

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Alexander Jung
Experte
15. November 2017

Als gebürtiger Rheinländer kam ich nach dem Studium in Heidelberg und Spanien in den 90er Jahren zum Rechtsreferendariat nach Berlin. Hier arbeitete ich zunächst als Rechtsanwalt bei dem ostdeutschen Energieversorger VEAG. Nach verschieden Funktionen bei der Bewag übernahm ich bei Vattenfall die Leitung des Vorstandsbüros. Seit 2010 arbeite ich in verschiedenen leitenden Positionen im Politikbereich und trage die Gesamtverantwortung für die Politikarbeit des schwedischen Staatskonzerns in Deutschland. Seit 2013 vertrete ich zudem als Generalbevollmächtigter die Interessen des Unternehmens gegenüber dem Land Berlin. Ich lebe mit meiner französischen Frau und meinen zwei Kindern in Berlin.