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Cottbuser Ostsee
Experte
16. Februar 2015
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Ein neuer See entsteht: Planfeststellungsverfahren für Cottbuser Ostsee läuft

Der Tagebau Cottbus-Nord ist nahezu ausgeschöpft. Die Gewinnung der Braunkohle endet planmäßig schon in diesem Jahr. Ab 2016 werden die vorhandenen Anlagen zurückgebaut. Was folgt, ist ein See.

Schon im nächsten Jahr sollen hier andere Bagger rollen. Meter für Meter werden dann das Seebecken und die Ufer für die Flutung des geplanten Cottbuser Ostsees vorbereitet. Der „Chósébuski pódzajtsny jazor“, wie der See auf Sorbisch heißt, soll einmal mit 19 Quadratkilometern der größte See Brandenburgs werden. Zum Vergleich: Der Schwielochsee erstreckt sich über 13,3, der Senftenberger See über 13 Quadratkilometer. Der Ostsee wird in der Rangliste der größten Seen Deutschlands Platz 15 einnehmen.

Wie der See entsteht, wird in einem wasserrechtlichen Planfeststellungsverfahren festgelegt. Vom 12. Januar an lagen die Antragsunterlagen vier Wochen lang öffentlich aus. Alle Interessierten konnten die Pläne in den Ämtern in Cottbus, Peitz, Burg (Spreewald) und der Gemeinde Neuhausen/Spree oder direkt beim Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) einsehen. In der Region wird nun viel diskutiert.

Planfeststellungsverfahren läuft aktuell

Cottbuser Ostsee

Grafik: Vattenfall

Vattenfall informierte in bis dato 17 Veranstaltungen Bürger der benachbarten Gemeinden, Politiker und Mitglieder vieler Verwaltungsgremien über das Vorhaben und Vorgehen. Vor Ort dabei war Dr. Stephan Fisch. Er ist der Projektleiter für die wasserrechtlichen Planungen für den Ostsee bei Vattenfall. Zusammen mit weiteren Kollegen und vielen externen Experten hat er die Antragsunterlagen zusammengestellt. „Im Planfeststellungsverfahren geht es um die Flutung, die Wasserwege und die Beschaffenheit des Sees“, erklärt er. Das Verfahren sei ein formeller Prozess, der engen Richtlinien folgt und sich thematisch klar von der weiteren Nutzung des Gewässers beispielsweise als Badesee oder für die Schifffahrt abgrenzt.

Seenlandschaft übliche Nachfolgelandschaft

Dass der See entstehen soll, steht schon zu DDR-Zeiten fest. „In der Lausitz wird in der Regel aufgrund des Massendefizits, das die geförderte Kohle hinterlässt, eine Seenlandschaft als Nachfolgelandschaft geplant“, erläutert Dr. Fisch. So auch für den Tagebau Cottbus-Nord. Nach der Wende wurden so genannte Braunkohlepläne erarbeitet. Sie enthalten neben Festlegungen zum aktiven Tagebaubetrieb auch die Grundzüge zur Wiedernutzbarmachung der Oberfläche und zur dazugehörigen Landschaftsentwicklung. Der erste Braunkohlenplan für den Cottbuser Tagebau ist 1994 erstellt worden. Er wurde im Juli 2006 noch einmal überarbeitet. „In der Zielkarte der Bergbaufolgelandschaft ist der große See schon von Anfang an zu erkennen“, so Fisch.

Reaktionen auf Planung ist unterschiedlich

Einbindung_kuenstlicher_Seen

Prinzip der Einbindung von künstlichen Seen in das Grundwasser (Quelle: Vattenfall)

Die Reaktionen zu den Planungen sind unterschiedlich. Die Stimmung in den Veranstaltungen vor Ort entsprechend oftmals auch angespannt. „Viele sehen in dem See eine Chance für die Region, was beispielsweise die Naherholung angeht. Die Bedenken hingegen betreffen meist die nachbergbaulichen Grundwasserstände, die sich einstellen werden, wenn die Grundwasserabsenkung für den Tagebau Schritt für Schritt endet. Vor allem die nördlichen Anwohner fürchten den Grundwasseranstieg.“ In Maust, einer nördlichen Anrainergemeinde des künftigen Sees, hat sich deshalb eine Bürgerinitiative gegründet. Einige Wiesen des Ortes liegen auf 61 Metern über Normalnull (NHN), die Gebäude mehr als einen Meter höher. Der See soll einen Wasserstand von + 62,5 Metern haben. Jetzt haben einige Bewohner Angst vor Überflutungen und nassen Kellern.

Einwände sind Anlass zum Hinterfragen

Wassertiefe_Grafik

Unterwasserrelief des Cottbuser Ostsees (Quelle: Vattenfall)

„Die Ängste nehmen wir ernst, sie sind aber aus fachlicher Sicht nicht begründet“, so Dr. Fisch. Die Erkenntnisse aus den erarbeiteten Fachgutachten zeigen, dass die Grundwasserstände im Umfeld des Cottbuser Ostsees nicht höher sein werden als vor dem Bergbau. „Dort wo der Ostsee entstehen soll, stand das Grundwasser vor der Bergbau mindestens genauso hoch an, im Süden sogar bis ca. 7 Meter höher. Das Grundwasser und seine Fließrichtung kann man jedoch nicht sehen. Mit der Planung des Sees wird natürlich alles greifbarer.“ Besonders Bewohner, die während der Tagebaubewirtschaftung gebaut haben, sind skeptisch. In Maust steht das Grundwasser naturgemäß relativ nah unter der Geländeoberkante. Gräben übernehmen hier unabhängig vom Bergbau eine essentielle Entwässerungsfunktion. „Die Einwände sind für mich ein Ansporn noch einmal mehr zu hinterfragen, ob wir alles richtig planen. Es ist ein sehr konkretes Projekt, das wir intern mit fünf Kollegen rund um die Uhr bearbeiten. Nach der langen Bearbeitungszeit habe ich eine konkrete Vorstellung von der Entstehung des Sees“, so Fisch. Rund ein Dutzend externer Gutachter wurden im Vorfeld eingebunden. Die größte Herausforderung war dann auch die Koordination der Gutachter- und Ingenieursplanungen. „Jetzt geht es darum, die Bürger verständlich zu informieren. Man steckt so tief in den Details und im Fach, dass dies manchmal schwierig ist. Hier wachse ich mit jeder Veranstaltung, in jedem Gespräch.“

Verfahren dauert noch an

Das Planfeststellungsverfahren wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Frühestens 2016 wird ein Beschluss erfolgen. Zunächst werden alle Stellungnahmen zum Antrag, die noch innerhalb der Beteiligungsphase eingereicht werden können, gesammelt, gesichtet und bewertet. In einer öffentlichen Erörterung hat jeder Einwender die Möglichkeit, die Hinweise und Bedenken aus seiner Stellungnahme noch einmal zu erläutern. „Das Bergamt nimmt dann eine Abwägung der Stellungnahmen vor und kann in den Planfeststellungsbeschluss im Einvernehmen mit dem Landesumweltamt entsprechende Änderungen oder ergänzende Forderungen aufnehmen. Der ausgearbeitete Beschluss bildet dann unsere weitere Arbeitsgrundlage.“ Das bedeutet für Dr. Fisch abwarten. „Aktuell haben wir unsere Hausarbeiten gemacht.“ Natürlich heißt das nicht, dass jetzt die Hände in den Schoß gelegt werden. Er und die Kollegen begleiten weiter aktiv das Genehmigungsverfahren. „Wir werden prüfen, was noch zu tun ist und bereiten uns darauf vor, alle Stellungnahmen genau beantworten zu können. Und natürlich werden wir die Bürger und Verwaltungen rund um den See weiter informieren. Die nächsten Termine dafür stehen schon vor der Tür.“

Nächste Schritte

Gestaltung_Ostufer_Naturschutz

Gestaltung des Nordwestufers zur Erholungsnutzung und Gestaltung des Ostufers für den Naturschutz (Quelle: Vattenfall)

Nach Abschluss des Verfahrens folgen dann die nächsten Schritte. „Wenn wir 2019 mit der Flutung beginnen wollen, dann müssen wir 2016 die Ausführungsplanungen für das Flutungsbauwerk durchführen und die Ausschreibung der Leistungen veranlassen.“ Soweit zum Zeitplan. Die planmäßige Stilllegung des Tagebaus Cottbus-Nord ist übrigens die erste seit 1990 und die erste geordnete nach geltender Gesetzeslage überhaupt. „Wir bauen dabei auf den Erfahrungen in der Region auf“, erläutert Dr. Fisch. „Wir lernen aus den Erfahrungen anderer und analysieren diese.“ Das gelte nicht nur für seinen Bereich. Dr. Fisch ist überzeugt, dass Cottbus mit dem Ostsee für die Zukunft gewinnt.

Der Zeitplan aus heutiger Sicht

Planfeststellungsverfahren:

  • 2014: Übergabe der Antragsunterlagen an die zuständige Behörde, das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR)
  • 2015: Beteiligungsverfahren mit öffentliche Auslegung und anschließender Erörterung

Realisierungsschritte (geplant):

  • 2012-18: Herstellung des Gewässerbettes des Cottbuser Ostsees nach Bergrecht
  • 2015: Ende der Kohleförderung im Tagebau Cottbus-Nord
  • 2016-18: Bau des Zuleiter und Einlaufbauwerks für die Flutung mit Spreewasser
  • ab 2019: Flutungsbeginn (Flutungsdauer: ca. 5-6 Jahre, abhängig von Flutungsbeginn, natürlicher u. genehmigter Flutungswassermenge)
  • 2020-24: Errichtung der weiteren wasserwirtschaftlichen Anlagen (u.a. Auslaufbauwerk, Fischtreppe am Willmersdorfer Seegraben)

ab 2025: Beginn Regelbetrieb nach Inbetriebsetzung aller wasserwirtschaftlichen Anlagen

Der Tagebau Cottbus-Nord

Der Tagebau Cottbus-Nord wurde ab 1975 erschlossen. Seit 1981 versorgte er anteilig das Kraftwerk Jänschwalde mit Braunkohle. Die bisher hier gewonnene Kohlemenge wird künftig aus anderen Tagebauen im Revier gefördert und über die werkseigene Kohleverbindungsbahn dem Kraftwerk Jänschwalde zugeliefert.

Nach Beendigung der Förderung werden zunächst gemäß des bergrechtlichen Abschlussbetriebsplans die Tagebaugroßgeräte stillgelegt, zurückgebaut oder verkauft. Anschließend beginnen die Erdbauarbeiten, die zur Vorbereitung und Sicherung des Seebeckens und der Ufer nötig sind. Böschungen rund um die Grube müssen abgeflacht, geschüttete Uferbereiche im Osten zusätzlich verdichtet und der künftige Seeboden soweit abgetragen werden, dass eine Mindesttiefe des Sees von zwei Metern gewährleistet ist.

Das wasserrechtliche Planfeststellungsverfahren läuft parallel und bestimmt die entsprechenden Richtlinien für die Herstellung des Sees wie die Entnahme von Wasser aus der Spree, die Einbindung in den Wasserhaushalt und die Ausleitkriterien. Für den Bau der Infrastruktur ist Vattenfall nicht zuständig, diese muss durch die Gemeinden bereitgestellt werden. So sind künftige Strände, Seepromenaden, Häfen und weitere touristische Anlagen sowie die Regelungen zur Schiffbarkeit Bestandteil der kommunalen Planungen.

Die Sanierer kommen von zwei Unternehmen. Hintergrund ist, dass der Tagebau Cottbus-Nord sowohl zu DDR-Zeiten als auch nach der Wende betrieben wurde. Und so ist die bundeseigene Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) bergrechtlich vor allem auf der Ostseite zuständig – für den Bereich aus den Jahren 1981 bis 1990 – und der spätere Tagebaubetreiber Vattenfall für den Rest. Bei der Flutung des Restlochs aber wird Vattenfall Regie führen.

Mehr Informationen finden Sie in dieser Broschüre: 2014_Hinterfragt_Cottbuser_Ostsee.

Stephan Fisch
Experte
16. Februar 2015

Seit 2008 arbeite ich bei der Vattenfall Europe Mining AG an verschiedenen montan-hydrologischen Fragestellungen. Im Bereich Bergbauplanung verantworte ich seit 2014 die Tagebauentwässerung. Nach meinem Studium der Umweltwissenschaften und Verfahrenstechnik an der BTU Cottbus habe ich zu Stoffumwandlungsprozessen in Abraumkippen des Braunkohlenbergbaus promoviert. Anschließend arbeitete ich in einem Ingenieurbüro. Mir als gebürtigen Cottbuser ist es besonders wichtig, den Cottbuser Ostsee zu einer Erfolgsgeschichte werden zu lassen.

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