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Experte
27. November 2015
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Erfahrungsaustausch in Punkto Rückbau

Das Kernkraftwerk Brunsbüttel soll zurückgebaut werden. Der Antrag ist gestellt. Regelmäßig laden die Kollegen vor Ort alle Interessierten ein, um über den Rückbau zu informieren. „Energiewende konkret“ lautet der Name der Veranstaltungsreihe. Am 26. November fand sie zum fünften Mal statt. Anders als sonst stand diesmal nicht das Kernkraftwerk Brunsbüttel im Fokus. Michael Klein, technischer Leiter des Kernkraftwerks Stade, sprach als Gast über seine Rückbauerfahrungen. Die Besucher folgten seinen Ausführungen am Donnerstagabend in Brunsbüttel. Klein beantwortete im Vorfeld ein paar Fragen zum Thema.

Stade ist das erste Kernkraftwerk, das nach dem Atomausstieg Deutschlands komplett zur grünen Wiese zurückgebaut wird. 2003 haben Sie mit dem Rückbau begonnen, wie weit sind Sie heute?

Kernkraftwerk Krümmel vor dem Rückbau, Foto: e.on

Kernkraftwerk Stade vor dem Rückbau, Foto: e.on

Wir haben jetzt zehn Jahre Rückbau hinter uns. Das Innenleben der technischen Anlage ist komplett entfernt. Die radioaktiv kontaminierten Anlagenteile sind aufbereitet – im Fachjargon konditioniert – und in speziellen Containern und Behältern im Lager für radioaktive Abfälle eingelagert. Diese Abfälle machen circa drei Prozent des gesamten Abbauvolumens aus.

Jetzt machen wir den nächsten Schritt und widmen uns den Betonoberflächen der Gebäude. Hier müssen wir die vorhandene Kontaminierung entfernen. Danach können wir einen Antrag für den konventionellen Abriss stellen.

Parallel passen wir unsere Infrastruktur an: Wir lösen nicht mehr benötigte Bürogebäude und Lager auf und bauen diese Gebäudeteile zurück. So können wir in der Geländefreigabe die ersten Schritte machen, um auch dort zügig voranzukommen. Das ist der aktuelle Stand.

Wie groß ist das Interesse der Öffentlichkeit an den Arbeiten und wie gehen Sie damit um?

Wir stehen seit der Außerbetriebsetzung 2003 sehr oft im Fokus der Öffentlichkeit. Wir hatten und haben zahlreiche Anfragen –  angefangen von privaten Vereinen, Verbänden und Institutionen bis hin zu hochdotierten Einzelpersonen. Letztens war eine Gruppe aus dem schwedischen Barsebäck hier. Dort steht ein Kernkraftwerk, das ebenfalls zurückgebaut wird. Der Bürgermeister und führende Politiker wollten sich über das Lager für radioaktive Abfälle informieren. Die Schweden standen vor der Entscheidung, ob sie dem Bau eines Lagers für radioaktive Abfälle in Barsebäck zustimmen sollten oder nicht.

Beladenes Zwischenlager in Stade, Foto: e.on

Beladenes Lager für radioaktive Abfälle in Stade, Foto: e.on

Bei solchen Anfragen und natürlich auch allen anderen, verfahren wir nach demselben Prinzip: Wir laden zu uns ein. Wir halten einen Einführungsvortrag, der je nach Besucher variiert. Wir müssen den Rückbau so erklären, dass jeder versteht, was wir hier machen. Danach sehen wir uns gemeinsam die Anlage an.

Die Gäste aus Schweden waren beeindruckt. In der Fußballfeld-großen Halle des Lagers für radioaktive Abfälle befinden sich bei uns die gesamten Reststoffe der Anlage –  zerkleinert, verpackt, durch Gutachter geprüft und abgenommen. Sie konnten selbst erfahren, dass ein solches Lager keine Gefahr darstellt, wenn es verantwortungsvoll betrieben wird. Sie standen ja mittendrin.

Solche Besuche zeigen uns, dass dieses Prozedere gut funktioniert. Wir sind von der Ideologie des Schweigens weggegangen. Wir haben keine Geheimnisse. Das hat sogar einen Spiegel-Redakteur überrascht, der hier war. So viel Offenheit in der Kernenergiesparte kenne er sonst nicht. Wir haben mit dieser Offenheit stets gute Erfahrungen gemacht. Und inzwischen können wir eine sozusagen „leere“ Anlage zeigen – das beeindruckt.

Was hat Sie denn während des Rückbaus am meisten beeindruckt?

Entnahme der Dampferzeuger des Kernkraftwerk Stades, Foto: e.on

Entnahme der Dampferzeuger des Kernkraftwerks Stade, Foto: e.on

Das war die Demontage der Dampferzeuger als Ganzes. Diese riesigen Behälter, die in Gänze mit ihrem Gewicht von 200 Tonnen gekippt worden sind, wurden mit der Krananlage nach draußen gebracht, hier abgesenkt und mittels Schwerlasttransport ans Elbufer gefahren. Von hier aus ging es dann per Schiff nach Studsvik in Schweden zur Konditionierung, um sie für die Lagerung vorzubereiten.

Konnten Sie beim Rückbau auf bestehende Erfahrungen zurückgreifen oder musste eher alles neu entwickelt werden?

Sowohl als auch. Ein „wichtiges Pfund“ für den Rückbau ist die Erfahrung unserer Mitarbeiter aus dem Leistungsbetrieb. Aussagen wie „Wir machen den Rückbau mit fremden Teams“ sind laienhaft. Es ist zwingend notwendig, dass die Mitarbeiter eingebunden sind. Das war das Bestehende, auf das wir zurückgreifen konnten.

Und es gab natürlich Neuentwicklungen. Stade ist ein Druckwasserreaktor und der erste dieser Größe, der zurückgebaut wurde. Abgesehen davon benötigt der Rückbau eine andere Dokumentation als der Betrieb. Diese muss durch Gutachter und Prüfer bescheinigt sein. Die Unterlagen sind heute ein Benchmark in der Branche.
All unsere Erfahrungen geben wir übrigens weiter. Die Guten wie auch die Schlechten, damit nicht alle in die gleiche Kostenfalle laufen. Das Kernkraftwerk Stade gehört zu einem Drittel Vattenfall. Deshalb ist der Austausch hier besonders intensiv.

Würden Sie heute mit all diesen Erfahrungen etwas anders angehen?

Ja, würde ich. Erstens würde ich eine Grundstrategie so konkret wie möglich festlegen. Es bringt nichts, wenn man immer wieder Anpassungen vornimmt, jede Veränderung zieht eine Menge weiterer Entscheidungen mit sich und verursacht zusätzliche Kosten. Es macht Sinn, wenn man gewisse Eckpfeiler festlegt, die nicht verändert werden.

Jede Menge Bauschutt entsteht beim Abriss, eine Herausforderung, Foto: e.on

Jede Menge Bauschutt entsteht beim Abriss, eine Herausforderung, Foto: e.on

Zum Zweiten würde ich in Pilotprojekten die einzelnen Prozesse ausprobieren. Wie läuft das Zusammenspiel zwischen Betreiber, Gutachter, Umweltministerium und Bundesbehörden ab? Wenn dieser Prozess läuft, ist die Basis da, Themen wie beispielsweise die Bearbeitung der Betonoberflächen gezielt anzugehen. Das haben wir zu spät gemacht. Wir wussten immer, dass wir in der Lage sind, die technischen Anlagen zu entfernen. Aber die Bearbeitung der Betonoberflächen, bis sie entsorgt werden können, stellt nun eine größere Herausforderung dar.

Das dritte Thema, bei dem ich anders vorgehen würde, ist das der Deponierung. Es gibt heute keine Deponie, die den klassifizierten Beton aus dem Kraftwerk annehmen will. Das Atomgesetz gibt festgelegte Grenzwerte vor, ab denen das Material freigegeben ist und deponiert werden kann. Wir haben 1.800 Tonnen kontaminationsfreies aber deponiepflichtiges Material liegen. Diese sind überprüft und von der Behörde abgenommen, aber keiner will es deponieren. Hier sind die Landkreise gefordert.

Welche Empfehlung geben Sie einem Kraftwerk, welches heute neu in den Rückbau einsteigt?

Zusammen mit Michael Klein standen Knut Frisch und Michael Bächler vom Kernkraftwerk Brunsbüttel Rede und Antwort, Foto: Vattenfall

Zusammen mit Michael Klein standen Knut Frisch und Michael Bächler vom Kernkraftwerk Brunsbüttel Rede und Antwort, Foto: Vattenfall

Ich empfehle, von Anfang an das gesamte Umfeld so früh wie möglich einzubeziehen, damit eine Akzeptanz des Rückbaus in der Region entsteht. Gerade am Anfang sollte jede Gelegenheit genutzt werden, Kritiker zu überzeugen. Offenheit führt zu Transparenz und zeigt, dass es keine Geheimnisse gibt.

Zudem sollten die Erfahrungen anderer genutzt werden. Unterhalten Sie sich rechtzeitig mit allen, die einen Rückbau schon einmal gemacht haben. Wir tauschen uns beispielsweise mit den Anlagenbetreibern in Krümmel und Brunsbüttel regelmäßig über den Status und die Erfahrungen aus.

Über diese sollten wir aber auch gemeinsam weiter in der Öffentlichkeit berichten. Egal ob Spiegel, 3Sat oder welches redaktionelle Sendeformat auch immer: Wir müssen öfter zeigen, wie es funktioniert, wo wir gerade stehen.

Weitere Informationen:

Informationen zum Rückbau des Kernkraftwerk Brunsbüttels finden sie unter
www.perspektive-brunsbuettel.de

Michael Klein
Experte
27. November 2015

Ich bin seit 1992 im Kernkraftwerk Stade im technischen Bereich tätig. Den Betrieb des Kernkraftwerkes habe ich auf Schicht begleitet. 2008 übernahm ich die Leitung des Fachbereiches Restbetrieb und damit auch die stellvertretende technische Leitung des Standorts, die dann 2014 auf mich überging.

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