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Experte
3. August 2015
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Erfolgreicher Aufstieg: 5 Jahre Fischpass in Geesthacht

Er ist so etwas wie das Sondermodell unter den Fischaufstiegsanlagen: Der Fischpass am Nordufer der Elbe bei Geesthacht ist bis ins Detail an den Bedürfnissen der „Kunden“ ausgerichtet und steckt voller Extras. Die Fische belohnen dies mit intensiver Nutzung. Seit der Inbetriebnahme am 1. August 2010 haben bereits rund 1,7 Millionen Tiere 50 verschiedener Arten die Anlage passiert.

Was ist so besonders am Fischaufstieg in Geesthacht? Die Biologin Dr. Beate Adam weiß gar nicht, wo sie anfangen soll. „Eigentlich ist die gesamte Anlage eine einzige Besonderheit.“ Das ging schon bei der „zielgruppengerechten Planung“ los, an der das von Adam und ihrem Mann geleitete Institut für angewandte Ökologie (IfÖ) maßgeblich beteiligt war. „Zum ersten Mal wurde hier eine Anlage von Grund auf nach den Bedürfnissen der Fische entwickelt. Das war eine völlig neue Herangehensweise.“

Wozu eine Fischaufstiegsanlage?

Grafik_FischaufstiegstreppeDoch kurz einen Schritt zurück: Warum benötigen Fische an dieser Stelle überhaupt eine Aufstiegshilfe? Zweck, der von Vattenfall errichteten Anlage ist es, den Fischen das Bewältigen der Staustufe bei Geesthacht zu ermöglichen. Das 4,5 Meter hohe Wehr stellt ansonsten für wandernde Arten ein unüberwindbares Hindernis auf ihrem Weg zu Laich- und Aufwuchsgebieten dar. Sein Bau in den 1960-er Jahren hatte erheblichen Einfluss auf den Fischbestand im Elberaum. Zwar existiert am Südufer bereits ein Fischaufstieg, dieser ist jedoch nur für wenige Arten geeignet. Die neue Anlage hingegen ist ein wichtiger Baustein im Engagement zur Wiederansiedlung ehemals heimischer Arten wie dem Stör.

Innovative Lösung im Sinne der Fische

Als das Projekt 2009 startete, setzten sich Ingenieure, Biologen und Wissenschaftler an einen Tisch, jeder brachte sein Wissen ein. „Keine Selbstverständlichkeit“, betont Adam. Vielen Detaillösungen gingen Experimente und Simulationen im Labor voraus. Das Ergebnis nach nur zehn Monaten Bauzeit ist Europas größte Fischaufstiegsanlage – eine Konstruktion, die den aktuellen Forschungsstand zum Fischaufstieg vereint und international beachtet wird. „Fachleute aus der ganzen Welt reisen an, um sie zu besichtigen.“

„Herausragendes Projekt“ im weltweiten Vergleich

Auch Herman Wanningen hat sie schon besucht und in seinem Buch „From Sea to Source“ vorgestellt. Der Niederländer hat als Direktor der World Fish Migration Foundation einen globalen Überblick über Anlagen dieser Art. „Der Fischpass in Geesthacht hebt sich vor allem dadurch ab, dass er nicht selektiv, sondern für sämtliche Arten designt ist. Das ist weltweit einzigartig und setzt Standards“, erläutert der Experte. „Ein großes Problem braucht eine große Lösung – die ist in Geesthacht gelungen.“ Auf der Fachkonferenz Fish Passage im Juni in Groningen erhielt die Anlage eine Anerkennung als „Herausragendes Projekt in Fischereiwesen & Ökohydrologie“.

Jedes Tier wird dokumentiert

Glasaale zur Zählung an der Fischaufstiegstreppe in Geesthacht, Foto: Vattenfall

Glasaale zur Zählung an der Fischaufstiegstreppe in Geesthacht, Foto: Vattenfall

Vom Einstieg am Wehrfuß bis zum 550 Meter flussaufwärts gelegenen Ziel, durchschwimmen die Fische 49 Einzelbecken, jedes davon misst 16 mal 9 Meter. Die Abmessungen gab die größte in Zukunft hier erwartete Fischart vor: der Atlantische Stör. Durch zwei senkrechte Schlitze rechts und links in den Becken ist die Anlage passierbar. Durchgängig herrscht eine konstante Fließgeschwindigkeit, damit auch schwimmschwache Arten wie Stint und Stichling den Aufstieg bewältigen.

Oben angekommen, landen die Fische in einem zentralen Fangkorb. Zweimal täglich leeren die Mitarbeiter der Anlage die Reuse. In der hochmodernen Monitoringstation wird jedes einzelne Tier nach Art bestimmt, schonend vermessen, gewogen – und gelangt dann über eine Rutsche wieder in die Freiheit. In Spitzenzeiten können es bis zu 30.000 Exemplare pro Tag sein.

Sprudelnde Informationsquelle für die Wissenschaft

Der Strömungspfad der Fischaufstiegstreppe in Geesthacht, Foto: Vattenfall

„Ein solch intensives, lückenloses Monitoring wird nirgendwo sonst betrieben“, sagt Adam. Damit nicht nur die Fische registriert werden, die es bis ganz nach oben schaffen, kommt zudem ein telemetrisches Monitoring zum Einsatz. Rund 10.000 mit Mikrochips versehene Fische werden jedes Jahr stromabwärts erneut in die Elbe gelassen, um mithilfe von über 30 Antennen ihr Verhalten auf dem Weg zur und in der Aufstiegsanlage zu verfolgen.

Die Liste der Besonderheiten ist damit aber längst nicht am Ende. Auf der stehen unter anderem noch die speziellen Aalleitern, die fischgerecht designte Sohle der Anlage, der eingebaute Notausgang für Säugetiere sowie die Tatsache, dass sie als bisher einziger Fischaufstieg mittels Zuwässerung auf wechselnde Unterwasserstände, also den Tidenhub, reagieren kann. „Man könnte eine Doktorarbeit darüber schreiben“ – je näher man sich mit diesem Bauwerk befasst, desto klarer wird, was Dr. Beate Adam damit meint.

Mehr erfahren?

Wer den Fischaufstieg in Geesthacht besichtigen möchte, wendet sich an: fischaufstieg@vattenfall.de; T: 040 570 11 32 00

Weitere Informationen zur Anlage gibt es unter www.vattenfall.de/fischaufstieg sowie im FlyerElbfische auf dem besten Weg“ .

 

Gunhild Nasner
Experte
3. August 2015

Ich bin seit 1998 in der Unternehmenskommunikation in Hamburg – und dabei auf den unterschiedlichsten Kommunikationsfeldern unterwegs: Werbung, Corporate Publishing, Konzeption und Kommunikation von Kraftwerks- und Infrastrukturprojekten. Themen, mit denen sich das Unternehmen weiterentwickelt und die gleichzeitig die Gesellschaft vorwärts bewegen, finde ich besonders spannend. Sei es der Einsatz von Batteriespeichern, neue Felder für Solarenergie, Blockchain-Technologie - aber auch Stadtentwicklung und nachhaltige Lebensbedingungen. Freie Wege für die Fische liegt mir dabei besonders am Herzen.

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