Alle Themen
Warten auf Tourstart
Experte
14. September 2015
Zurück

Erlebbare Geschichte im Heizkraftwerk Klingenberg

Zum Tag des offenen Denkmals können Berliner einen Blick in das historische Heizkraftwerk Klingenberg werfen. Von Georg Klingenberg erbaut, ist es seit 1926 einer der Stützpfeiler von Berlins Energieversorgung.

Arrow
Arrow
Klingenberg_Gesamtansicht
ArrowArrow
Slider
????????????????????????????????????

Die ersten Gäste sammeln sich am Eingang des Heizkraftwerkes an der Köpenicker Chaussee, Foto: Vattenfall

Am  Samstagmorgen hängt noch feuchter Nebel über Lichtenberg, als ich aus der Tram steige. „Heizkraftwerk“ heißt die Haltestelle. Hier bin ich richtig. Heute öffnet das Heizkraftwerk Klingenberg zum Tag des offenen Denkmals die Türen. Bereits zum zehnten Mal. Ein kleines Jubiläum also. Es sammeln sich immer mehr Interessierte, alle haben sich bereits frühzeitig für die Führung angemeldet. Eigentlich ist die Teilnehmerzahl auf 20 begrenzt, aber ich zähle knapp 50 Personen. Aufgrund der großen Nachfrage hat sich das Team vom Standort entschieden, die Gruppe zu vergrößern.

Drei Stunden voller Energie

????????????????????????????????????

Das Foyer ist die erste Station innerhalb des Gebäudes, von hier geht es in den 8. Stock, Foto: Vattenfall

Um kurz vor zehn begrüßen Siegfried Ganz und Georg Bartlau von der Belegschaft die Gäste. Dann stellt sich noch eine Journalistin des Deutschlandradios vor, Annette Weiß will die Führung für eine historische Dokumentation über den Stadtteil Rummelsburg nutzen. Ob jemand von uns gegen den Mitschnitt sei? Auch ich stelle mich kurz vor, dann geht es endlich los. Bereits der Eingangsbereich ist eines der Highlights der Tour. Zwar gibt es auch hier einige Veränderungen, aber die wesentliche Gestaltung gleicht der ursprünglichen. Der Boden ist aus Carrara-Marmor. Die Wände aus Lausitzklinkern, speziell gruppiert und mit weißem Mörtel abgesetzt. In der Ecke steht der Paternoster, der heute außer Funktion ist – aus versicherungstechnischen Gründen. Deshalb geht es mit dem Fahrstuhl oder zu Fuß über das Treppenhaus in den achten Stock.

????????????????????????????????????

Karin Müller und Harald Flügel empfangen die Gäste, Foto: Vattenfall

Hier empfangen uns Kraftwerksleiter Harald Flügel und Karin Müller, die ebenfalls in Klingenberg arbeitet. Sie wird uns in den nächsten Stunden mit auf eine Reise durch die Geschichte des Heizkraftwerkes nehmen. Eine Tour durch die Anlage ergänzt das Programm. Und am Schluss kommt ein weiteres Highlight, ein Besuch des 360-Grad-Balkons im zehnten Stock des Verwaltungshochhauses. Da die Gruppe wesentlich größer ist als geplant, wird sie geteilt. Die eine Hälfte lauscht dem Vortrag, die andere beginnt mit dem Rundgang. Am Ende geht es zum Sightseeing aufs Dach. Dann sind fast drei Stunden um. Stunden in denen alle ein umfassendes Bild vom Standort bekommen.

Pionier der Elektrizitätsversorgung: Georg Klingenberg

Klingenberg_Gesamtansicht

Das Heizkraftwerk Klingenberg in den 1920-er Jahren, Foto: Vattenfall Archiv

Beginn des Vortrages von Karin Müller ist eine Rückblende ins Jahr 1925: Die Krise in Deutschland ist überwunden, die Wirtschaft zieht an. Der Bedarf an Energie steigt, da sich immer mehr Industrie in Berlin und Umgebung ansiedelt. Und auch in der Stadt selbst wächst der Wohlstand und weckt den Bedarf an Elektrizität. Die Stadt Berlin strebt zudem nach Unabhängigkeit von der Reichsstromversorgung. Ein eigenes Kraftwerk soll her. Das Gelände in der Rummelsburger Bucht gehört der Stadt. Der Auftrag geht an die AEG.

Das Bronzerelief von Georg Klingenberg hängt im Foyer des Kraftwerks, Foto: Vattenfall

Bronze-Relief  im Foyer, Foto: Vattenfall

Der renommierte Kraftwerksbauer Georg Klingenberg, der bereits über 70 Kraftwerke entworfen hat, übernimmt die technische Konzeption. Architekten sind sein Bruder Waltar und dessen Kompagnion Werner Issel. Baubeginn ist am 15. September, bereits ein Jahr später, im Dezember, startet der Erstbetrieb. Das erlebt Georg Klingenberg leider nicht mehr. Er stirbt bereits im Dezember 1925 mit nur 55 Jahren.

Abwärmenutzung als Innovation

Kraftwerk Kl FrontalBadespass am Standort Kl, 30er Jahre

Flussbadeanstalt am Heizkraftwerk, Foto: Vattenfall

Das Kraftwerk an der Spree ist das modernste Steinkohlewerk seiner Zeit und schafft 240 Megawatt elektrische Leistung. Dazu versorgt es das neue städtische Freibad mit Warmwasser. Auf 26.000 Quadratmetern mit vier Becken tummeln sich die Berliner zum Baden im 33 Grad warmen Spreewasser.

Dank Abwärmenutzung gab es Tomaten und Gurken, Foto: Vattenfall Archiv

Dank Abwärmenutzung gab es Tomaten und Gurken, Foto: Vattenfall Archiv

Nicht die einzige Innovation: Der Dampf aus dem Kraftwerk erwärmt eine Gewächshausanlage. Hier werden auf 9.800 Quadratmetern Tomaten und Gurken gezogen. Bis Ende des 2. Weltkrieges versorgt das Werk Berlin ohne große Unterbrechungen zuverlässig mit Strom, stellt das industrielle Wachstum in der Stadt sicher und ist eine Säule der Erfolgsgeschichte der „Elektropolis“.

Klinkerfassade größter Zeitzeuge

Fassadenstruktur, Foto: Vattenfall

Unterschiedliche Fassadenstruktur, Foto: Vattenfall

Seit 1975 ist das Gelände als Denkmal eingetragen. Dabei erinnert an die ersten Zeiten vorwiegend die Gebäudefassade des Verwaltungsgebäudes, des Maschinenhauses und natürlich des Schalthauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hauptbauelement ist hier Eisen ummantelt mit Klinkern. Dank des hohen Aluminiumsilikatgehaltes der verwendeten Lausitzer Klinker ergibt sich ein rötliches Farbspiel in der Fassade. Zudem wird durch verschiedene Anordnungen die streng vertikale Pfeilerstruktur des Gebäudes aufgelockert. Stilsicher und doch zweckmäßig.

Technik unterliegt stetiger Anpassung

????????????????????????????????????

Kacheln in den Fluren, Foto: Vattenfall

Im Inneren der Anlage sind nicht mehr viele Belege aus der Gründungszeit zu sehen. Die türkisen Kacheln im Treppenhaus sind noch gut erhalten. Auch das Foyer zeugt von den feudalen Zeiten zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch bereits nach 1945 kommt es zu ersten Veränderungen. Anlagenteile werden als Reparationsleistungen von den Russen demontiert. 1950 geht der Betrieb weiter. Das Kraftwerk wird von Stein- auf Braunkohle umgestellt, im Laufe der Zeit kommen Gas und Heizöl als Brennstoffalternative hinzu.

Das Ensemble um 1977, Foto: Vattenfall Archiv

Das Ensemble um 1977, Foto: Vattenfall Archiv

Die ersten größeren Umbauten erfolgen 1960 bis 1964. Es werden E-Filter und Saugzuganlagen für alle Kessel eingebaut. Die acht Stahlblechschornsteine ersetzen von nun an zwei Stahlbetonschornsteine. 1970 übernimmt der Standort die Fernwärmeversorgung des Gebietes Oberschöneweide. Die Anlage wird kontinuierlich um- und ausgebaut. 1990 folgt die Errichtung der Rauchgasentschwefelungsanlage. Aktuell wird wieder gebaut, die Gasanlage soll erneuert werden. Sie übernimmt die Versorgung, wenn 2020 der Braunkohlenteil der Anlage gemäß der Klimaschutzvereinbarung mit der Stadt stillgelegt wird.

Revision ermöglicht zusätzliche Highlights

Georg Bartlau und Siegfried Ganz im Gespräch (mittig, v.l., Foto: Vattenfall

Georg Bartlau und Siegfried Ganz im Gespräch, Foto: Vattenfall

Das alles erläutern Siegfried Ganz und Georg Bartlau auf der Tour über das Gelände. Sie beantworten alle Fragen der Besucher und nehmen sich viel Zeit. Auch Fotografieren ist an diesem Tag überall erlaubt. Eine Gelegenheit, die auch ich ausgiebig nutze.

Die Halle mit den Turbinen in Revision, Foto: Vattenfall

Die Halle mit den Turbinen in Revision, Foto: Vattenfall

Ein besonderes Highlight fernab der Geschichte: Die Turbinen werden im Rahmen der diesjährigen Revision überarbeitet. Deshalb sind zwei Anlagen nicht eingehaust und wir können poblemlos einen Blick ins Innere wagen, der sogar aufgrund der unterschiedlichen Arbeiten variiert.

 

 

Blick auf „janz“ Berlin

Blick über Berlin aus dem 10. Obergeschoss, Foto: Vattenfall

Zum Schluss geht es wie versprochen aufs Dach. Zumindest fast: Vom Balkon des zehnten Stocks kann der Besucher nicht nur die Anlage überblicken, auch der Blick ist inzwischen frei auf ganz Berlin: Die Sonne ist durchbrochen, der Nebel verschwunden, ein sonniger Herbsttag schafft Fernblick.

Die Gruppe diskutiert noch über die Eindrücke, letzte Fragen werden geklärt. Dann sucht jeder seinen Weg zurück, raus aus der Rummelsburger Bucht. Im Gepäck jede Menge Geschichten rund um mehr als 90 Jahre Energieversorgung.

Dieses Jahr waren neben dem Heizkraftwerk Klingenberg die Türen des Umspannwerks und des ehemaligen Heizkraftwerks Steglitz geöffnet. Informationen zum Tag des offenen Denkmals finden sie auf der offiziellen Homepage

Die Sendung der Redakteurin Annette Weiß wird am 8.11. um 11 Uhr auf Deutschlandradio Kultur in der Deutschlandrundfahrt, UKW 89,6, gesendet werden. Sie ist danach im Archiv nachhörbar.

Daniela Sasonow
Experte
14. September 2015

Für Vattenfall arbeite ich seit 2000 in der Kommunikation. Im Rahmen des Social Media Projektes habe ich diesen Blog mit aufgebaut. An meinem Job reizt mich die Themenvielfalt, die das Unternehmen bietet. Auch nach Jahren gibt es immer noch völlig neue Themen für mich zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen und Aspekte zu durchdenken. Kommen Sie mit auf die Themenreise, ich freue mich auf Ihre Anregungen und Kommentare.

  • Experte
    Eckhard Kruschel Eckhard Kruschel
    10. April 2018

    Fernwärmetunnel unter der Autobahn

    Berlin wächst unaufhaltsam - und damit auch der Bedarf an Fernwärme. Die Vattenfall Wärme Berlin AG stellt sich dieser Aufgabe: Jährlich wächst das inzwischen rund 2.000 Kilometer lange Fernwärmenetz um [...]
  • Experte
    Nico Frodl Nico Frodl
    29. März 2018

    Viertausendste Anbohrung einer Fernwärmeleitung

    Die Vattenfall Wärme Berlin erweitert ihr Netz und hat dabei erfolgreich die 4.000ste Anbohrung ihrer Fernwärmeleitungen vorgenommen. Bei der Anbohrung werden Abzweige hergestellt, ohne dass die jeweilige Hauptleitung außer Betrieb [...]
  • Experte
    Simone Ziegner Simone Ziegner
    27. März 2018

    Heizkraftwerk Tiefstack hat Jubiläum

    Nicht jeder Kraftwerksstandort kann auf eine so lange Tradition zurückblicken wie Tiefstack. Bereits seit über 100 Jahren wird hier Energie erzeugt. Immer wieder veränderten sich die Anlagen. In diesen Tagen [...]