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Experte
22. April 2015
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Erstes Offshore-Hotel für Monteure: die Wohnplattform im Windpark DanTysk

Die Bundesregierung setzt bei der Energiewende unter anderen auf den Ausbau der Offshore-Windenergie. Bei dem geplanten Installationsvolumen rechnen Arbeitsmarkexperten mit mehr als 20.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen auf hoher See. Eine logistische Herausforderungen sind Unterbringen und Transport der Fachkräfte.

So soll die Wohnplattform einmal aussehen, Grafik: Nobiskrug

So soll die Wohnplattform einmal aussehen, Grafik: Nobiskrug

Die Betreiber der Windparks arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten. Küstennahe Anlagen wie Borkum Riffgat oder EnBW Baltic 1 haben ihre Einsatzbasis auf dem Festland und werden von hier angefahren oder angeflogen. Hochseeparks wie Bard Offshore1 oder Global Tech 1 haben Wohnbereiche auf den Umspannwerken eingerichtet. Inselnahe Windparks wie beispielsweise Amrumbank West sollen vom nahen Helgoland aus gewartet werden, auch wenn der Name eher auf Amrum schließen lässt. Zum Einsatz kommen hier schnelle Crewschiffe und Hubschrauber.

Für das Projekt DanTysk, dessen Anlagen 90 Kilometer vor der Küste liegen, hat Vattenfall sich für den Bau einer Wohnplattform entschieden. Petja Stoever ist Manager für die Offshore Accommodation Plattform. Sein Verantwortungsbereich reicht von der Ausschreibung bis zur Engineering, der Bauphase dann bis zur Installation und bis zur  Vorbereitung der Inbetriebnahme draußen auf See.

„Die Unterbringungsartist immer eine Frage der Alternativen. Wir müssen Leute da draußen haben, da der Windpark DanTysk 90 Kilometer vor der Küste liegt. Das sind rund 3,5 h Fahrzeit raus und 3.5 h wieder zurück. Da sind sieben Stunden vom Tag weg. Deshalb war die Frage eher, was man vorhält. Da standen verschiedene Möglichkeiten zur Wahl: ein Wohncontainer auf der Umspannstation, ein Wohnschiff oder halt eine Plattform. Letztendlich gaben, neben den kommerziellen Aspekten, vor allem Arbeitssicherheits- und Gesundheitsaspekten den entscheidenden Ausschlag.“ Petja Stoever

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Das Deck wird farbig. Für das Grünton stand übrgiens Stoevers Lieblingsfußballverein Pate. Foto: Nobiskrug

Der menschliche Körper ist für die permanente wechselnde Belastung auf See nicht gemacht. Jeden Tag müssten die Arbeiter auf großen Schiffen zu den Windparks anfahren, hier auf kleinere Serviceeinheiten umsteigen und zu den Windrädern übersetzen. Auch hier gibt es wenig Stabilität, denn die mehr als 100 Meter hohen Türme schwanken um etliche Zentimeter.

„Nur ein Bruchteil der Leute haben von der Physis her die Möglichkeit, zwei, drei oder vier verschiedenartige Bewegungen  auszugleichen, ohne das ihr Gleichgewichtsorgan durcheinander gebracht wird. Wir sehen heute, wie lange es braucht, bis die Techniker sich auf die anderen Bedingungen eingestellt haben. Bis sie fähig sind, in Gefahrenbereichen zu arbeiten, kann das 45 bis 60 Minuten dauern.“

Die Arbeiten an den Windrädern sind alles andere als einfach: zum einen ist da die Höhe, zum anderen die Arbeiten an spannungsführenden Einheiten. Um sicher durch den Tag zu kommen bedarf es volle Konzentration und 100 Prozentigen Einsatz.

„Wir haben den Windpark für mindestens 20 Jahre gebaut. Wir können die gesamte Lebenszeit des Parks begleiten und immer vor Ort sein, wenn etwas zu tun ist. Wir haben Wert darauf gelegt, dass wann immer da Draußen was passiert, wir das kleinste Zeitfenster für Reparatur und Wartungsarbeiten nutzen können, um das Maximum an Verfügbarkeit aus den Anlagen herauszuholen.“ Petja Stoever

Die Treppen sind breiter und weniger steil als beim Schiffbau, Foto: Nobiskrug

Die Treppen sind breiter und weniger steil als beim Schiffbau, Foto: Nobiskrug

Die Wartungsarbeiten werden im Schichtdienst ausgeführt. Alle zwei Wochen wechseln die Monteure. Damit sie nicht alle 14 Tage komplett aus dem Offshore-Hotel ausziehen müssen, haben alle 50 Einzelzimmer zwei Schränke. Für viel Komfort ist gesorgt: Sportstudio, Kino, eigenes Restaurant, WLAN und Glasfaserkabel  sind nur ein paar der Dinge, die nach Schichtende für Ausgleich sorgen sollen. Und für den Notfall gibt es eine Miniklinik an Bord. Ein Rettungssanitäter wird dauerhaft vor Ort sein.

„Ich kenne aus vorherigen Tätigkeiten die Anforderungen an einen Servicestützpunkt im Windbereich sehr genau. Ich weiß, was man in Realität macht und was Theorie bleibt. Bei dem, was wir gebaut haben, kann man gut auf See leben.“ Petja Stoever

Exakte, standardisierte Bauvorschriften gibt es für die Wohnplattform nicht. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat den Bau zwar genehmigt, doch auf dem Meer ist nicht alles geregelt. Die Baupläne richten sich nach den Vorschriften für den Hausbau.

„Eine komplett autonome Plattform ist im Windbereich bis dato nicht vorhanden und wird im Ölbereich eher als Satellit zu anderen Plattformen gebaut wird. Wir bringen hier die Windkraft mit allen Eigenheiten und Anforderungen mit denen vom Schiffbau und Hochbau zusammen. Da den richtigen Mix zwischen Anforderungen und Umsetzung zu finden, ist ein ständiger Kampf. Es gibt regelmäßig Diskussionen über die Vergleichbarkeit. Aber das ist es ja auch, was das Projekt so spannend macht.“ Petja Stoever

Gebaut wird die Plattform in der Werft von German Naval Yards, ehemals Abu Dhabi Mar, in Kiel Gaarden. Der Auftrag wurde mittels einer europaweiten Ausschreibung vergeben. Dabei ließ die Anforderung viel Spielraum für die Umsetzung.

„Es ist ja nichts von der Stange. Kurz gesagt haben wir ein Stück Plattform mit Raum für 50 Personen mit einer Lebensdauer von 25 Jahren gesucht. Da gab es unterschiedliche Lösungsansätze.“ Petja Stoever

Jede Menge Leitungen bedarf die Versorgung innerhalb der Plattform, Foto: Nobiskrug

Jede Menge Leitungen bedarf die Versorgung innerhalb der Plattform, Foto: Nobiskrug

Inzwischen nimmt die Plattform in der Werft Gestalt an. Planungsstart war 2011. Zweieinhalb Jahre haben Findung, das grobe Engineering und die Vergabe in Anspruch genommen. Ende 2013 war Stahlanschnitt. Im Dezember 2014 hielten die Sektionen Hochzeit. So nennt der Fachmann das Aufeinandersetzen der einzelnen Bereiche und Stockwerke. Jetzt geht es an den Innenausbau.

Der extrem ambitionierte Zeitplan ist eine große Herausforderung. Wir sind mit Abstand der letzte Teil des Parks, der angegangen wurde. Fünf bis sechs Leute bilden unser Kernteam. In der Designphase haben 50 bis 60 Ingenieure uns unterstützt, um ihr Spezialwissen zu Kommunikation, Stahl, Farbe, Klima, Lüftung, Ver- und Entsorgung sowie der Kranmontage und noch viel mehr einzubringen. Dabei haben wir bestimmte Aspekte besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt. Beispielsweise dem Bootsüberstieg. Es wird häufig umgestiegen, das muss möglichst effektiv gestaltet werden. Herausgekommen ist eine ungewöhnliche Treppenkonstruktion.“ Petja Stoever

Die 80 Windkraftanlagen des Windparks DanTysk sind bereits angeschlossen. In der Nachbarschaft soll in den nächsten Jahren der Windpark Sandbank entstehen, ebenfalls eine Kooperation von Vattenfall und den Stadtwerken München.

Die Küche nimmst Gestalt an, Foto: Nobiskrug

Die Küche nimmt Gestalt an, Foto: Nobiskrug

„160 Anlagen plus 2 Umspannwerke ist schon eine Menge Holz, die wir da draußen haben. Wir gehen davon aus, dass wir knapp 40 Leute als Techniker, die in irgendeiner Form für uns arbeiten, vor Ort haben. Dazu kommen dann noch Servicekräfte und es wird auch immer wieder weitere Gäste geben, die aus den diversen Gründen dort draußen sein werden. Der Bedarf ist da. Sogar Anfragen von dritter Seite gibt es. Doch das ist nicht vorgesehen, dafür wäre die Unterbringung dort draußen auch verhältnismäßig teuer und der Strand relativ hart, da alles aus Stahl ist.“ Petja Stoever

 

 

Der Countdown läuft: Am 30. April wird der Windpark DanTysk feierlich in Betrieb genommen. Anlässlich dieses Ereignisses berichten wir diesen Monat im Schwerpunkt über das Projekt und seine Meilensteine.

Petja Stoever
Experte
22. April 2015

Bei Vattenfall bin ich seit 2011 als Offshore-Accommodation-Manager beschäftigt. Ich kenne mich in der Branche aus: Vor meinem Start im Projekt DanTysk, habe ich bei Vestas in der Forschung und Entwicklung gearbeitet. Den Einstieg absolvierte ich bei Nordex Energy GmbH, einem der Pioniere in Sachen Windenergie. Hier erlangte ich als Service Manager umfangreiches Branchenwissen von Asien bis nach Skandinavien.

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