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Elbphilharmonie in der Hamburger Hafencity
Experte
11. Januar 2017
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Fernwärme für die Elbphilharmonie

Endlich: Die Elbphilharmonie feiert Eröffnung. Drei Wochen lang geben die Hamburger Orchester und Musiker aus aller Welt ihr erstes Konzert in dem neuen Haus und die glücklichen Besitzer der ersten Konzertkarten freuen sich auf die ersten raumfüllenden Klänge. Es ist in jeder Hinsicht ein einzigartiges Gebäude, das mit einem Bündel an technischen Speziallösungen den Raum für die musikalische Begeisterung ermöglicht. Unter anderem musste für die Versorgung der Elbphilharmonie mit Fernwärme eine völlig neue Lösung gefunden werden.

Als im November letzten Jahres „FERTIG“ in großen Leuchtbuchstaben an der Glasfassade der Elbphilharmonie stand, war die Freude größer als das Aufatmen über zurückliegende Schwierigkeiten. Es ist das vierte Bauwerk, das in den letzten 150 Jahren an dieser Stelle auf dem Großen Grasbrook entstanden ist. Das Gelände, das jahrhundertelang für den Hafenbetrieb genutzt wurde, entwickelt sich seit Ende der Neunziger Jahre zu einem neuen Stadtteil – die HafenCity.

Skyline der Hamburger Hafencity, Foto: Vattenfall

Skyline der Hamburger Hafencity, Foto: powell83, fotolia

Als Teil der neuen HafenCity wird auch die Elbphilharmonie mit Fernwärme von Vattenfall versorgt. Mit 6,6 MW ist sie das größte Versorgungsobjekt in der HafenCity, nicht nur wegen der benötigten Wärmemenge, sondern auch wegen der besonderen technischen Herausforderungen.

Fünf Fernwärmestationen

Bei extrem hoch gebauten Gebäuden wie der Elbphilharmonie werden normalerweise hydraulisch getrennte Hausstationen – also Wärmetauscher – oder Temperaturregelungen eingebaut, um eine Verdampfung des Heizwassers in den oberen Stockwerken zu unterbinden.

Projektleiter Andreas Bode erinnert sich: „Der Betreiber der Elbphilharmonie hatte den Einbau einer solchen zentralen Hausstation ausgeschlossen. Denn neben den Konzertsälen sind im Gebäude auch ein Hotel, das Parkhaus, Wohnungen und Gastronomie untergebracht. Die verschiedenen Einheiten sollten ihre Wärme unabhängig voneinander beziehen und abrechnen können. Der Kunde benötigte also fünf Fernwärmestationen; diese konnten wir nur in den Technikstockwerken 6 und 7 realisieren. Daraus folgte für uns: Druck und Temperatur mussten wir für diese Höhe völlig neu betrachten.“ Ohne diese neue Anlagentechnik wäre nur eine Wärmeversorgung bis 19 Meter über Normalnull (NN) ohne Verdampfung möglich.

Maßgeschneiderte Regelungstechnik

Im Untergeschoss des Kaispeichers befindet sich diese Fernwäre-Station, die die 5 Übergabestationen im Gebäude steuert, Foto: Vattenfall

Im Untergeschoss des Kaispeichers befindet sich diese zentralen Unterstation, die die 5 Übergabestationen im Gebäude steuert, Foto: Vattenfall

Wegen der hoch liegenden Einspeisepunkte (34,4 und 38,4 Meter über NN) könnte eine direkte Einspeisung aus dem Vorlauf des Fernwärmesystems zur Verdampfung führen. „Um in dieser Höhe keine Verdampfung zuzulassen, haben wir uns für eine Begrenzung der üblichen 133°C Vorlauftemperatur auf 120°C entschlossen. Wir mischen kühleres Wasser aus dem Rücklauf bei. So können wir Temperatur und Druck auf einen Wert bringen, mit dem wir auch in dieser Höhe sicher arbeiten können“ erläutert Andreas Bode. Die Beimischung des kühleren Rücklaufwassers erfolgt in einer zentralen Unterstation im ersten Untergeschoss des Kaispeichers. „Drei Sicherheitsregelventile sorgen dafür, dass ein konstanter Druck zur Verfügung steht. Eine Steuerungseinheit überwacht ständig die Vorlauftemperatur. Abhängig von der Vorlauftemperatur mischen wir dann kälteres Rücklaufwasser in den Vorlauf bei, um die gewünschte Temperatur zu erreichen.“

Anspruchsvolle Logistik

„Am Ende sind wir alle froh, dass wir diese einzigartige Lösung umsetzen konnten. Diese hatte aber auch außergewöhnliche Anforderungen an die Logistik aller Gewerke. Und wie in anderen Bereichen änderten sich dann auch noch die Anforderungen während der Projektphase. Die eigentliche Bauphase dauerte dann über sechs Monate. Wir sind mit der gesamten Mannschaft stolz, es schlussendlich geschafft zu haben – aber ja, der Arbeitsplatz hat in der Zeit auch meine gesamte Energie beansprucht. Die Elbphilharmonie war auch für mich in jeglicher Hinsicht ein außergewöhnliches Projekt.“

Seit 2008 ist die Haustechnik für die Wärmeversorgung fertig gestellt, seitdem wird der Bau mit Fernwärme beheizt. Auch das ist eine besondere Situation: „Die Zeit zwischen Fertigstellung der Anlage und Übergabe des Gebäudes war ungewöhnlich lang. Die Zukunft wird zeigen, ob der ursprünglich berechnete Wärmebedarf für den Musikbetrieb sowie Hotel und Gastronomie ausreichen wird“, resümiert Andreas Bode, „aber neue Anforderungen werden wir auch meistern.“

Ein Standort mit Tradition
Dass über dem alten Kaispeicher jetzt Musik zu hören ist, ist nur ein weiterer Schritt in einer langen Geschichte. Ab 1750 war hier die Werft Johns, eine der namhaften Hamburger Werften, angesiedelt, die nur gut 100 Jahre später im Zuge der Hafenexpansion mit anderen Werften an andere Standorte im Hafen weichen musste. An dem Platz entstand das erste Speichergebäude des Hafens, der Kaiserspeicher. Das im zweiten Weltkrieg stark beschädigte Gebäude wurde schließlich in den 60er Jahren durch den heutigen schlichten Kaispeicher A ersetzt. Da hatte der Containerumschlag bereits in den Hafen Einzug gehalten; auch für die Lagerung von Kaffee und Kakao war an diesem Standort ab den 70er Jahren kaum noch Bedarf. Statt den leer stehenden Speicher wieder abzureißen und dann neu zu bauen, entstand ab 2007 auf dem mächtigen Ziegelbauwerk eine geschwungene Glasfassade, in dem sich Himmel und Wolken spiegeln und in deren Innern der modernste Konzertsaal der Welt eingehängt ist.
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Die Elbphilharmonie in Hamburg, Foto: powell83, fotolia
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Links zur Eröffnung

Elbphilharmonie-Eröffnung: Live dabei mit dem NDR

…ab 18 Uhr live vom roten Teppich

Beitrag des NDR vom 4.11.2016 zur Entstehungsgeschichte: Elbphilharmonie: Von der Vision zur Wirklichkeit

Der virtueller Rundgang per Drohne

Countdown zur Eröffnung

Weiterführende Links

Wärme Hamburg

Die Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie aus verschiedenen Perspektiven – Fotostrecke des NDR

Zur Geschichte des Standorts am Grasbrook

Andreas Bode
Experte
11. Januar 2017

Vor rund 30 Jahren begann mein Werdegang bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken im Bereich Fernwärme-Rohrnetz. Später ergab sich für mich der Sprung in die Position Fernwärme-Technik und Projektarbeit. Zurzeit arbeite ich bei der Vattenfall Wärme Hamburg GmbH als Ingenieur im Fernwärmevertrieb und bin unter anderem für die technische Planung von Fernwärmeanlagen zuständig. Für die Fernwärmeversorgung der Elbphilharmonie war ich für das gesamte Projekt verantwortlich: Projektierung, Kalkulation, Ausschreibung der Gewerke, Bauleitung und schließlich Übergabe an den Betrieb bzw. den Bauherrn.