Alle Themen
Fischtreppe Gesthacht mit 49 Becken
Experte
30. August 2017
Zurück

Artenvielfalt beim Fischaufstieg

Fast alle Fischarten müssen in ihrem Leben mehr oder weniger ausgedehnte Wanderungen unternehmen, um ihre Lebensräume zu erreichen: Ihre Fortpflanzungs- und Kinderstuben, Nahrungsgründe und Winterlager. Manche Arten wandern sogar zwischen Süßwasser und dem Meer. Die Lebensbedingungen für Fische unter Wasser sind auch Lebensgrundlage von Millionen von Menschen weltweit.

Sieben Jahre können Fische mittlerweile den größten und modernsten Fischaufstieg Europas bei Geesthacht an der Elbe nutzen. Erfolgsbilanz: 2,1 Millionen Aufsteiger bisher. Zwar scheint hier eine gute technische Aufstiegshilfe gefunden, die die Fische gern annehmen. Weltweit ist die ungehinderte Fischwanderung jedoch bedroht, Fische führen daher seit Jahren die Liste der bedrohten Tierarten an.

Der Sibirische Stör wandert im Sommer durch die Fischtreppe. Dieses Prachtexemplar kommt nach einem kurzen Check für wissenschaftliche Auswertungen wieder in die Elbe. Foto: IfÖ – Institut für angewandte Ökologie, 2017

Weltweit wird die Durchgängigkeit von der Quelle bis zur Mündung in etwa zwei Dritteln aller Flüsse durch etwa 40.000 Dämme mit Höhen über 15 Metern unterbrochen. Allein in deutschen Bundeswasserstraßen folgt im Schnitt alle zehn Flusskilometer ein Wehr auf das Nächste. In der Folge der zahlreichen unpassierbaren Wanderhindernisse führen vor allem Neunaugen und viele Fischarten die Roten Listen der gefährdeten Arten an.

Aktionstage für Fische 

Weltweit wächst inzwischen das Bewusstsein, dass die Lebensgrundlage der Fischfauna auch für uns Menschen wichtig ist. Aktionstage wie der Internationale Tag der Fische am 22. August 2017 oder der World Fish Migration Day (WFMD), wieder am 21. April 2018, sind ein gutes Beispiel dafür. Beim letzten WFMD im Mai 2016 wurden in über 450 Veranstaltungen in 63 Ländern von über 2000 Organisationen 85 Millionen Menschen über die Medien, inklusive der sozialen Medien, erreicht.

Erfolgsbilanz des Fischaufstiegs an der Elbe

Reusenleerung bei Eröffnung der Fischtreppe im August 2010, Foto: Vattenfall

Die mit 550 Metern Länge größte Fischtreppe Europas hat ihre Funktionstüchtigkeit längst bewiesen. 2,1 Millionen Fische kamen seit der ersten Flutung der Anlage im August 2010. Mittlerweile wurden 50 Arten registriert. Allen voran das Flussneunauge, dicht gefolgt von der Güster und dem Dreistacheligen Stichling. Aber die Fischtreppe bietet jedem etwas: der etwas konditionsschwachen Ukelei, dem sportlichen Lachs, der aber auch gern das südliche Umgehungsgerinne mit der starken Strömung wählt sowie der heimische Stint und Zander.

Erstaunliche Erkenntnis für die Forscher: Die Zählungen zeigen, dass die Aufstiegsfrequenz am Wehr Geesthacht keineswegs konstant ist, sondern jährlich starken Schwankungen unterliegt. Aus den bisherigen Migrationsbewegungen lassen sich jedenfalls noch keine Vorhersagen für die Zukunft treffen.

Weites Feld für Forschung

Bei dem umfangreichen Monitoring wird aber nicht nur gezählt. Es werden auch die Wanderbewegungen der Fische erforscht. Mithilfe modernster Transpondertechnik und mehrerer Spezialantennen in der Fischpassage, wird das Verhalten der aufwärts wandernden Flussbewohner rund um die Uhr positionsgenau erfasst.

Wolgazander, Foto: Institut für angewandte Ökologie

Interessant für die Forscher ist nicht nur, dass die Fische den Einstieg in den Fischaufstieg finden, sondern auch, für welchen sie sich entscheiden. Denn auch am Südufer gibt es seit den 90er Jahren eine Aufstiegshilfe. Das naturnahe Umgehungsgerinne ist allerdings nicht von jedem zu bewältigen. Auch die Schwimmgeschwindigkeit ist unterschiedlich. Manche benötigen für die 550 Meter lange Strecke und die 49 Becken nur 20 Minuten, die meisten schaffen es immerhin in gut einer Stunde.

Einwanderer aus der ganzen Welt

Die biologische Detektivarbeit spürte auch Flussbewohner auf, die hier gar nicht zuhause sind. Einwanderer aus Osteuropa wie die Kessler-Grundel zum Beispiel durchwandern seit einigen Jahren deutsche Flüsse und verdrängen vielerorts die heimischen Arten. Für die Wollhandkrabbe, die im Fahrwasser von Schiffen aus Ost-Asien kam, wurde in Geesthacht sogar eigens eine Umleitung gebaut.

Fischtreppe Geesthacht: Umleitung für Wollhandkrabben

Trotz Forschung und kontinuierlichem Monitoring: Das Aufstiegsverhalten der Fische und ihre Wanderbewegungen sind bisher kaum verstanden. Eindeutige Trends, wie sich der Fischbestand weiterentwickelt, gibt es daher – bislang – noch nicht.

Es bleibt zu hoffen, dass sich weltweit sowohl das Bewusstsein für die Lebensgrundlagen von Fischen nicht nur weiter wächst, sondern auch die Bemühungen verstärkt werden, bestehende Hindernisse wie Wehre, Staudämme, Wasserkraftanlagen passierbar zu machen und diese Erfordernisse beim Bau neuer Anlagen zu berücksichtigen.

Ergänzende Links aus dem Blog

Europas größte Fischtreppe auch für Landgänger

Passierbare Flüsse – durch Fischaufstiege

Gunhild Nasner
Experte
30. August 2017

Ich bin seit 1998 in der Unternehmenskommunikation in Hamburg – und dabei auf den unterschiedlichsten Kommunikationsfeldern unterwegs: Werbung, Corporate Publishing, Konzeption und Kommunikation von Kraftwerks- und Infrastrukturprojekten. Themen, mit denen sich das Unternehmen weiterentwickelt und die gleichzeitig die Gesellschaft vorwärts bewegen, finde ich besonders spannend. Sei es der Einsatz von Batteriespeichern, neue Felder für Solarenergie, Blockchain-Technologie - aber auch Stadtentwicklung und nachhaltige Lebensbedingungen. Freie Wege für die Fische liegt mir dabei besonders am Herzen.