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Kohlenaufbereitung Entstaubungsturm, Heizkraftwerk Moabit, 1926
Experte
20. Februar 2017
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Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 2

Neue technische Erfindungen sind Voraussetzung für große Entwicklungen. Meilenstein für Meilenstein hat Stadttechniker Hilmar Bärthel (1921 - 2016) in seinen Fachwerken zusammengefasst. Weiter geht die historische Reise durch das Erbe der Elektropolis. Die wichtigsten Stationen skizzieren wir in den nächsten Ausgaben unseres Blogs.
Auszug aus: Kraftwerke in Berlin - Das Erbe der Elektropolis

Auszug aus: Kraftwerke in Berlin – Das Erbe der Elektropolis

Die Jahre von 1920 bis 1923 – Neue 110-kV-Leitungen versorgen Großabnehmer

Mit der Bildung von Groß-Berlin 1920 veränderte sich die Aufgabenstellung zur elektrischen Versorgung prinzipiell. Berlin zählte nun 3,8 Millionen Einwohner und überschritt 1925 sogar die Viermillionen-Grenze. Die Stadtfläche wuchs sprunghaft um das 13-fache auf 878 Quadratkilometer an. Acht Städte, 59 Gemeinden und 27 Gutsbezirke wurden zusammengeführt. Es gab sechs stadt- oder gemeindeeigene Kraftwerke sowie vertragliche Bindungen über Stromlieferungen von regionalen Versorgern. Diese Verträge reichten teilweise bis zum Jahr 1937.

Überlandversorgung Berlins in den 1920er Jahren, Versorgungsgebiete von EWAG und MEW, Kraftwerke Zschornewitz, Finkenheerd, Finow und Trattendorf

Nach einer Strategie der städtischen Behörden wurden vier der kleineren unrentablen Werke sofort stillgelegt. Dazu gehörten Neukölln, Pankow, Lichtenberg und Köpenick. Die beiden ausbaufähigen Kraftwerke Steglitz und Charlottenburg übernahmen sie zum Weiterbetrieb. Beide konnten kurzfristig rekonstruiert werden. Die vertragsmäßig weiterliefernden Regionalgesellschaften konnten über Stromlieferungsverträge an die 1923 gegründete Bewag gebunden werden.

In der neuen Großstadt lag die installierte elektrische Kapazität nun bereits bei über 200 MW. Für die Nutzung des Fernstroms in der ganzen Stadt war zunächst eine 100 kV-Leitung gebaut worden. Sie führte vom Umspannwerk Rummelsburg hin zum 1921 errichteten „Schalthaus“ Friedrichsfelde. Ab dem Jahr 1923 lief eine weitere 100 kV-Freileitung durch breite Straßen der nördlichen Innenstadt bis zum Kraftwerk Moabit und weiter zum Kraftwerk Charlottenburg. Die 1925 errichtete 100 kV-Freileitung „Zschornewitz-Spandau“ führte über das Kraftwerk Charlottenburg bis zum Kraftwerk Moabit.

Damit konnte Berlin rund 70 MW Leistung zusätzlich beziehen und die Bewag war in der Lage, alle Anforderungen großer Strommengen, beispielsweise für die Elektrifizierung der S-Bahn und für weitere Großabnehmer, zu erfüllen.

Die Jahre 1924 und 1925 – Kraftwerk Moabit macht Schule

Kohlenaufbereitung, Heizkraftwerk Moabit, 1926, Quelle: Vattenfall

Im Kraftwerk Moabit wurde die Kohlenstaubfeuerung eingeführt, mehrere Versuche gingen dem voraus. Damit gelang letztendlich 1924/25 ein technisch bedeutender und technologisch wegweisender Schritt hinsichtlich der Leistungssteigerung in der Stromerzeugung.

Um die inzwischen betriebenen Hochleistungsturbinen mit ausreichend Dampf zu versorgen, reichten auch die größten Kessel nicht mehr aus. Mehr Dampf konnte aber nur erzeugt werden, wenn ein Mehrfaches an Kohle verbrannt wurde. Das war technisch nur mit Kohlenstaub möglich, der auch Anteile minderwertiger Kle enthalten konnte.

Um 1925 entstand im Kraftwerk Moabit, in Anlehnung an 1924 durchgeführte Versuche, eine zentrale Mahl- und Aufbereitungsanlage für Kohlenstaub. Entworfen hatte sie Chefarchitekt der Bewag, Hans Müller. Das dreistöckige Gebäude mit hohem Erdgeschoss war vollgestopft mit Trockentrommeln, Kohlenmühlen und Förderanlagen, die zu den zwölf belieferten Kesseln führten. Moabit war die „Schule“ der Kohlenstaubfeuerung für Berlin und weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Aus der neuen Feuerungsart ergab sich die Notwendigkeit der Rauchgasreinigung. Schon 1926 wurden im Kraftwerk Moabit die ersten neu entwickelten Siemens-Elektrofiltertürme dafür erprobt und eingesetzt.

Die Jahre 1926 und 1927 – Großkraftwerk Klingenberg gilt als leistungsstärkste Anlage Europas

Kraftwerk Klingenberg während der Bauzeit 1926, Quelle: Vattenfall

Kraftwerk Klingenberg während der Bauzeit 1926, Quelle: Vattenfall

In nur 15 Monaten Bauzeit errichtete die Bewag mit dem Kraftwerk Klingenberg das leistungsstärkste Großkraftwerk Europas. Hier fand die Kohlenstaubfeuerung erstmals großtechnische Anwendung. Das Kraftwerk hatte eine Gesamtleistung von 270 MW.

Erstmals fanden Turbinensätze von je 80 MW Anwendung. Geistiger Schöpfer war Professor Dr. Georg Klingenberg (gest. 1925). Nach ihm wurde das Werk benannt. Verantwortlich für die wirkungsvolle Gestaltung waren die Architekten Werner Issel und Waltar Klingenberg. Nach ihren Ideen entstanden großräumige Baukörper nach Eisenskelett-Bauweise mit Klinkerverblendung.

Das Großkraftwerk erbrachte ab 1927 nahezu zwei Drittel der in Berlin erzeugten elektrischen Leistung. Jahrelang war es „Wallfahrtsort“ für Kraftwerksbauer aus ganz Europa. Auch die Berliner sowie Schulklassen und andere interessierte Gruppen kamen zum Kraftwerk.

Das Jahr 1929 – Das erste deutsche Hochdruckkraftwerk entsteht

Inbetriebnahme der Dampfspeicher von Dr. Ruths 1929, Quelle: Vattenfall

Das Kraftwerk Charlottenburg erfuhr 1925-1927 eine Totalerneuerung. Dabei wurden das Kesselhaus bis auf die Grundmauern und das Maschinenhaus bis auf die Außenwände abgerissen. Es entstand das erste deutsche Hochdruckkraftwerk. Dessen leistungsfähige Aggregate konnten zentral gesteuert werden.

Ab 1927 konnte die Leistung verdoppelt werden, es war nunmehr eine Stromeinspeisung von bis zu 50 MW in das städtische Netz möglich. In den Jahren 1928 bis 1929 erfolgte dann als technischer Höhepunkt die weltweit erste Schaffung einer Dampfspeicheranlage nach der Erfindung des schwedischen Ingenieurs Dr. Ruths.

Ruths-Dampfspeicheranlage, 1929, Quelle: Vattenfall

In einer Batterie von 16 aufrecht stehenden Stahlkesseln mit einer jeweiligen Höhe von 16,4 Metern konnte Überschussdampf gespeichert und in Spitzenzeiten entnommen werden. Für knapp eine Stunde standen so maximal 50.000 kW zusätzlich zur Verfügung. Für die Anlage wurden zwei Speicherturbinen zusätzlich aufgestellt, dafür musste das Maschinenhaus nochmals verlängert werden. Gekrönt wurde das Ganze 1929 durch die Fertigstellung eines Schornsteines von 125 Metern Höhe. Er hatte einen oberen Durchmesser von acht Metern, womit das Kraftwerk Charlottenburg das damals höchste Bauwerk in Europa war.

 

Weitere interessante Meilensteine über Berlins Stadttechnik von Dr. Hilmar Bärthel lesen Sie in Kürze hier im Vattenfall Blog.

Hilmar_Bärthel_klDr. Hilmar Bärthel
Der promovierte Ingenieur und Techniker Hilmar Bärthel wurde 1921 im thüringischen Gera geboren und studierte nach dem 2. Weltkrieg in Berlin und Dresden. In jahrzehntelanger Arbeit an der deutschen Bauakademie und für den Ostberliner Magistrat erwarb er ein einzigartiges Fachwissen über die Infrastruktur der Stadt. Hilmar Bärthel war Chefingenieur für den unterirdischen Bauraum beim Magistrat von (Ost-)Berlin, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Dresden sowie am Lehrstuhl für Architektur der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Nach seiner Pensionierung widmete er sich als Autor intensiv der Geschichte der Wasser- und Gasversorgung sowie der Stadtentwässerung und Stromversorgung Berlins.

Links auf themenverwandte Blogbeiträge

Berlin als System: Zum Tod des Stadttechnikers Hilmar Bärthel
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 1
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 2
 

Dr. Hans Achim Grube
Experte
20. Februar 2017

Nach dem Architektur-Studium an der TU Berlin, der Universitá Firenze und dem Diplom an der TH Darmstadt arbeitete ich bei dem Architekten Max Dudler. Danach wurde ich im damaligen Bundesbauministerium Referent für Bauangelegenheiten des Bundes in Berlin, zuständig für den Umzug von 5 Bundesministerien nach Berlin. 1996 wurde ich Leiter der Bauabteilung der 1997 privatisierten Bewag. Zu den interessanten Aufgaben gehörte u.a. Konzepte für die nicht mehr betriebsnotwendigen, zum Teil denkmalgeschützten Abspannwerke und Kraftwerke zu finden, die eine technische und wirtschaftliche Nachnutzung ermöglichten. Die Forschungen von Dr. Hilmar Bärthel waren dafür eine wichtige Grundlage. In meiner Zeit bei Bewag / Vattenfall von 1996 bis 2007 wurden so mehr als 12 Großabspannwerke von Hans Heinrich Müller, mehrere Kraftwerke und viele ehemalige Bürogebäude erfolgreich um- und wiedergenutzt.

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