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Kraftwerk West 1930
Experte
8. März 2017
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Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 3

Neue technische Erfindungen sind Voraussetzung für große Entwicklungen. Meilenstein für Meilenstein hat Stadttechniker Hilmar Bärthel (1921 - 2016) in seinen Fachwerken zusammengefasst. Weiter geht die historische Reise durch das Erbe der Elektropolis. Die wichtigsten Stationen skizzieren wir in den nächsten Ausgaben unseres Blogs.

Auszug aus: Kraftwerke in Berlin - Das Erbe der Elektropolis

Auszug aus: Kraftwerke in Berlin – Das Erbe der Elektropolis

Die Jahre von 1929 bis 1932 – Das Großkraftwerk West entsteht

In den 1920er und 1930er Jahren erlangte die Stromversorgung eine neue Qualität in Berlin. Trotz des umfangreichen Angebotes an Fernstrom entschied sich die Stadt in den 1920er Jahren den Selbstversorgungsgrad aus wirtschaftlichen Gründen deutlich zu erhöhen. Im Ergebnis entstand ein Versorgungskonzept in dessen Kern die technisch hochmodernen Kraftwerke Klingenberg und West eine aufeinander abgestimmte Erzeugungsbasis bildeten. Während das Kraftwerk Klingenberg für die Absicherung die Grundlast Berlins konzipiert wurde, sollte das Kraftwerk West vornehmlich der Deckung des Spitzenbedarfs dienen.

Bau des Kraftwerks West, 23. Oktober 1929, Quelle: Vattenfall

Projektiert und gebaut wurde das Kraftwerk West von den Siemens-Schuckert-Werken (SSW). Bis 1930 entstand die erste nutzbare Baustufe, bis 1932 das komplette Werk in Kompaktbauweise. Alle Baukörper waren relativ flach gehalten. Sie waren technologisch so an- oder ineinander gefügt, dass höchste Rationalität beim Bau und im nachfolgenden Betriebsgeschehen erreicht werden konnte. Technische Neuerung in Deutschland war dabei die Unterschubfeuerung. Sie beruht auf amerikanischen Entwicklungen. Dank ihr konnten die höchsten Kesselleistungen der Bewag überhaupt erzielt werden.

Es kam auch minderwertige Kohle zum Einsatz, bei der nahezu keine Flugasche anfiel. Für den Transport der großen Kohlenmengen entstanden ein eigener Hafen, ein eigener Kohlenbahnhof mit Großbunker sowie umfangreiche Außentransportbänder. Das Kraftwerk West war mit einer Leistung von 185 MW nunmehr das technisch modernste und technologisch rationellste in Berlin.

Die Kriegsjahre von 1939 bis 1945 – Neun Kraftwerke sichern die Stromversorgung

Die für Rüstungszwecke stark beanspruchte Stromerzeugung in Berlin wurde 1939 durch sieben größere und zwei kleine Kraftwerke beherrscht. Sie hatten eine installierte Gesamtleistung von 781,5 Megawatt. Damit war die Bewag zum größten deutschen Stromerzeuger angewachsen.

Kraftwerk West, demontierte Maschinenhalle 1947

Die Kriegsereignisse verursachten einschneidende Veränderungen an diesen Kapazitäten. Kriegsschäden an Kraftwerken, außer in Moabit und Charlottenburg, betrafen im Wesentlichen Gebäude sowie Außenanlagen. Sie hatten relativ wenig Einfluss auf die Stromerzeugung. Die am Kriegsende in der Stadt insgesamt nutzbare Leistung betrug jedoch nur noch 77 Prozent der am Kriegsbeginn insgesamt installierten Kapazitäten.

Daran waren aber nicht nur die direkten Kriegsschäden schuld, auch die mangelnde Wartung und der über die Kriegsjahre vorangeschrittene Verschleiß bei Kesseln und Turbinen, führten zu einer Leistungsminderung.

Die weitaus größten Verluste an Strom-erzeugenden Kapazitäten sind jedoch auf Aktionen der sowjetischen Besatzungsmacht zurückzuführen: So entnahmen oder demontierten sie unmittelbar nach Kriegsende zahlreiche Hauptaggregate, die teilweise für Reparationen gebraucht wurden.

Kraftwerk West, demontiertes Kesselhaus 1947

Bis zum Eintreffen der Alliierten am 7. Juli 1945, wurden aus sechs größeren Kraftwerken einige Hauptmaschinen demontiert. Darunter waren vor allem Turbinen in der Größenordnung um 351,5 Megawatt, die in Richtung Sowjetunion verladen wurden. Das betraf 61 Prozent aller am Kriegsende verfügbaren Stromerzeuger.

Ebenfalls wurden 55 Prozent aller Kessel demontiert. Hierunter befanden sich auch die drei modernsten Benson-Kessel ihrer Zeit. Diese waren im Kraftwerk West für eine im Bau befindliche Hochdruck-Vorschaltanlage neu installiert worden. Der für den Nachkriegs-Wiederaufbau Berlins verfügbare Rest an Strom-erzeugenden Aggregaten betrug also im August 1945 noch 225,4 Megawatt. Diese entsprachen 39 Prozent der am Kriegsende noch vorhandenen unzerstörten Substanz.

Weitere interessante Meilensteine über Berlins Stadttechnik von Dr. Hilmar Bärthel lesen Sie in Kürze hier im Vattenfall Blog.

Hilmar_Bärthel_klDr. Hilmar Bärthel
Der promovierte Ingenieur und Techniker Hilmar Bärthel wurde 1921 im thüringischen Gera geboren und studierte nach dem 2. Weltkrieg in Berlin und Dresden. In jahrzehntelanger Arbeit an der deutschen Bauakademie und für den Ostberliner Magistrat erwarb er ein einzigartiges Fachwissen über die Infrastruktur der Stadt. Hilmar Bärthel war Chefingenieur für den unterirdischen Bauraum beim Magistrat von (Ost-)Berlin, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Dresden sowie am Lehrstuhl für Architektur der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Nach seiner Pensionierung widmete er sich als Autor intensiv der Geschichte der Wasser- und Gasversorgung sowie der Stadtentwässerung und Stromversorgung Berlins.

Links auf themenverwandte Blogbeiträge

Berlin als System: Zum Tod des Stadttechnikers Hilmar Bärthel
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 1
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 2

Dr. Hans Achim Grube
Experte
8. März 2017

Nach dem Architektur-Studium an der TU Berlin, der Universitá Firenze und dem Diplom an der TH Darmstadt arbeitete ich bei dem Architekten Max Dudler. Danach wurde ich im damaligen Bundesbauministerium Referent für Bauangelegenheiten des Bundes in Berlin, zuständig für den Umzug von 5 Bundesministerien nach Berlin. 1996 wurde ich Leiter der Bauabteilung der 1997 privatisierten Bewag. Zu den interessanten Aufgaben gehörte u.a. Konzepte für die nicht mehr betriebsnotwendigen, zum Teil denkmalgeschützten Abspannwerke und Kraftwerke zu finden, die eine technische und wirtschaftliche Nachnutzung ermöglichten. Die Forschungen von Dr. Hilmar Bärthel waren dafür eine wichtige Grundlage. In meiner Zeit bei Bewag / Vattenfall von 1996 bis 2007 wurden so mehr als 12 Großabspannwerke von Hans Heinrich Müller, mehrere Kraftwerke und viele ehemalige Bürogebäude erfolgreich um- und wiedergenutzt.

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