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Ernst Reuter, Bürgermeister von Berlin, Frühjahrsmesse 1949 - Modell des Kraftwerks West, Quelle: Landesbildstelle
Experte
7. April 2017
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Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 4

Neue technische Erfindungen sind Voraussetzung für große Entwicklungen. Meilenstein für Meilenstein hat Stadttechniker Hilmar Bärthel (1921 - 2016) in seinen Fachwerken zusammengefasst. Weiter geht die historische Reise durch das Erbe der Elektropolis. Die wichtigsten Stationen skizzieren wir in den nächsten Ausgaben unseres Blogs.
Auszug aus: Kraftwerke in Berlin - Das Erbe der Elektropolis

Auszug aus: Kraftwerke in Berlin – Das Erbe der Elektropolis

Die Situation in der Nachkriegszeit

Die Stromversorgung hatte sich in den ersten Nachkriegsjahren wieder normalisiert. In die drei Westsektoren floss Zusatzstrom aus den im Ostteil liegenden Kraftwerken Klingenberg und Rummelsburg sowie Fernstrom aus Zschornewitz über die Spandauer Leitung. Auch der Wiederaufbau des Kraftwerkes West half, die Versorgung zu verbessern. Doch am 26. Juni 1948 verhängte die Sowjetische Militäradministration Deutschlands als politisches Druckmittel eine totale Blockade aller Straßen, Wasser- und Schienenwege von und nach den drei Westsektoren und unterbrach zudem alle Stromleitungen. Es entstand eine brisante und wirtschaftlich katastrophale Notsituation, der die drei Westmächte mit der kurzfristigen Schaffung einer gigantischen Luftbrücke zur Versorgung von Wirtschaft und Bevölkerung antworteten.

Diese und weitere politische Auseinandersetzungen führten im Herbst 1948 zur endgültigen administrativen Teilung der Stadt in einen Westteil, bestehend aus drei westlichen Besatzungszonen und einem Ostteil, dem sowjetischen Sektor, jeweils mit unterschiedlichem Währungsgefüge.

Die Spaltung der Bewag in einen West- und Ostteil erfolgte konkret am 6. Dezember 1948.

Nach dem 12. Mai 1949 offiziell das Ende der sowjetischen Blockade verkündet war, entspannten sich die Verhältnisse etwas, aber es bestand von da an eine politisch und wirtschaftlich weitgehend isolierte Entwicklung in den beiden Einflussgebieten Berlin-West und Berlin-Ost.

Es gab zunächst noch beschränkte Energielieferungen vom Osten nach dem Westteil Berlins über die der Bewag gehörenden Kraftwerke Klingenberg und Rummelsburg sowie über die Fernleitung aus Mitteldeutschland. Erst am 5. Mai 1952 sind diese Leitungsverbindungen zu Ost-Berlin ebenso wie die Fernleitungen endgültig getrennt worden. West-Berlin war von diesem Tag an eine Strominsel.

Die Jahre von 1948 bis 1958 – Wiederaufbau der Kraftwerke im geteilten Berlin

Energiesituation im Westteil Berlins

Das wiederaufgebaute Kraftwerk West nach der Inbetriebnahme im Dezember 1949, Quelle: Vattenfall

Das Hauptereignis dieser Periode war der unter kompliziertesten Umständen erfolgte Wiederaufbau des Kraftwerkes West. Wesentliche Ausrüstungsteile mussten über die Luftbrücke eingeflogen werden. Schon ab Dezember 1949 war eine Leistungsabgabe von 50 MW möglich, im Februar 1950 war die erste Baustufe mit 110 MW betriebsbereit. Ihr folgten 1952 die zweite Baustufe mit 208 MW, 1953 die dritte mit 258 MW und 1954 der vorläufig geplante Endausbau auf 308 MW. Bereits 1953 wurde die neu in Betrieb genommene Spitzenanlage von 50 MW erstmalig mit Fernsehüberwachung für wichtige Betriebszustände ausgerüstet. Um 1955 kamen bei einer Gesamtkapazität von über 500 MW nahezu zwei Drittel des in West-Berlin erzeugten Stromes aus diesem neuen Großkraftwerk, das zu Ehren seines 1953 verstorbenen Förderers den Namen „Kraftwerk Reuter“ erhielt.

KW Moabit mit neuem Kesselhaus, 1959, Quelle: Vattenfall

Im Kraftwerk Moabit wurde erst 1950 die volle Wiederherstellung der kriegsbeschädigten Bausubstanz erreicht. Bis 1953 erfolgte der Abriss der alten Technik bis auf eine Turbine von 24 MW und die erste Baustufe des Neubauprogramms konnte mit 27 MW in Betrieb gehen. Für die Nutzung des niedrigen Kesselhauses mussten lange, liegende Kessel entwickelt werden. Deshalb wurde die zweite Baustufe, bestehend aus einer 55-MW-Heizkraftmaschine und einer 55-MW-Spitzenanlage, erst 1957/58 fertig.

KW Charlottenburg mit neuem Kesselhaus, 1954, Quelle: Vattenfall

Im Kraftwerk Charlottenburg war die 1929 eingebaute Technik inzwischen weitgehend verschlissen. 1953 wurde daher mit einem Mehrstufenprogramm der Neubau eines modernen Werkes nach dem Prinzip der Kraftwerksblöcke, welches je einen Hochleistungskessel für eine Hochleistungs-Kondensationsturbine vorsieht, begonnen. Die erste Baustufe, bestehend aus einem neuen Kesselhaus mit geringer Grundfläche, 41 Metern Höhe und einer 55-MW-Turbine, war schon 1954, die zweite mit fast gleichen Parametern 1959 betriebsbereit. In diesem Zeitraum begann zudem der Neubau eines großzügigen Fernheiznetzes mit dem Wärmeträger Heißwasser. Außer den Einspeisungen in das Stromnetz konnte auch die Abgabe von Wärmeenergie schrittweise bedeutend erhöht werden.

Kraftwerk Steglitz 1959, Quelle: Vattenfall

Das kleine Kraftwerk Steglitz wurde 1958 auf Öl umgestellt und erhielt 1960 als erstes Werk in Berlin eine Gasturbinenanlage mit einer Kapazität von zweimal 25 MW. Die mit vergastem Schweröl betriebenen Turbinen dienten als Spitzenanlage. Sie hatten den Vorteil, nach kurzen Anfahrzeiten hohe Leistungen ins Netz einspeisen zu können.

Die Energiesituation im Ostteil Berlins

Mit dem zwar veralteten, aber produktionsfähigen Kraftwerk Rummelsburg und dem nur teilweise demontierten Kraftwerk Klingenberg standen im kleineren Teil Berlins rund 65 MW mehr an Kapazitäten zur Verfügung als im westlichen, größeren Teil. Beschränkungen in der Stromerzeugung gab es nur wegen Kohlenknappheit.

KW Rummelsburg 1957, Einbringen des Läufers in den Generator, Quelle: Vattenfall

Im Oktober 1945 wurde bekannt, dass die ausgebauten, noch nicht abtransportierten Teile aus Klingenberg von der Sowjetunion zurückgegeben werden. Deren Wiedereinbau war aber erst 1950 beendet. Das Kraftwerk Rummelsburg konnte bis 1951 auf eine Kapazität von 71 MW ausgebaut werden. Damit traten in der Strombereitstellung einigermaßen normale Verhältnisse ein.

Das Kraftwerk Rummelsburg war wegen des Mangels an Steinkohle schon 1954 auf Braunkohle umgestellt und dafür mit neuen Entlade- und Förderanlagen versehen worden. Dadurch gelang es, das Kraftwerk bis 1955 auf eine Leistung von 74 MW zu bringen, die etwa bis 1960 durchgehalten wurde. Danach ging es mit der veralteten Erzeugungstechnik rasant bergab und die notwendige Stilllegung war nur noch eine Frage des Termins für einen Ersatzneubau.

Weitere Meilensteine über Berlins Stadttechnik von Dr. Hilmar Bärthel lesen Sie in Kürze hier im Vattenfall Blog.

Hilmar_Bärthel_klDr. Hilmar Bärthel
Der promovierte Ingenieur und Techniker Hilmar Bärthel wurde 1921 im thüringischen Gera geboren und studierte nach dem 2. Weltkrieg in Berlin und Dresden. In jahrzehntelanger Arbeit an der deutschen Bauakademie und für den Ostberliner Magistrat erwarb er ein einzigartiges Fachwissen über die Infrastruktur der Stadt. Hilmar Bärthel war Chefingenieur für den unterirdischen Bauraum beim Magistrat von (Ost-)Berlin, Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Dresden sowie am Lehrstuhl für Architektur der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.
Nach seiner Pensionierung widmete er sich als Autor intensiv der Geschichte der Wasser- und Gasversorgung sowie der Stadtentwässerung und Stromversorgung Berlins.

Links auf themenverwandte Blogbeiträge

Berlin als System: Zum Tod des Stadttechnikers Hilmar Bärthel
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 1
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 2
Geschichte der Berliner Energieversorgung – Teil 3

Dr. Hans Achim Grube
Experte
7. April 2017

Nach dem Architektur-Studium an der TU Berlin, der Universitá Firenze und dem Diplom an der TH Darmstadt arbeitete ich bei dem Architekten Max Dudler. Danach wurde ich im damaligen Bundesbauministerium Referent für Bauangelegenheiten des Bundes in Berlin, zuständig für den Umzug von 5 Bundesministerien nach Berlin. 1996 wurde ich Leiter der Bauabteilung der 1997 privatisierten Bewag. Zu den interessanten Aufgaben gehörte u.a. Konzepte für die nicht mehr betriebsnotwendigen, zum Teil denkmalgeschützten Abspannwerke und Kraftwerke zu finden, die eine technische und wirtschaftliche Nachnutzung ermöglichten. Die Forschungen von Dr. Hilmar Bärthel waren dafür eine wichtige Grundlage. In meiner Zeit bei Bewag / Vattenfall von 1996 bis 2007 wurden so mehr als 12 Großabspannwerke von Hans Heinrich Müller, mehrere Kraftwerke und viele ehemalige Bürogebäude erfolgreich um- und wiedergenutzt.