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Ein Kraftwerk wird gebaut
Experte
10. Februar 2017
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Heizkraftwerk Marzahn: Plan wird Realität

Im Berliner Bezirk Marzahn Hellersdorf wird ein Heizkraftwerk gebaut. Anfang Februar ist die finale Investitionsentscheidung für den Bau eines hoch modernen Gas- und Dampfturbinen Heizkraftwerks im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf gefallen. Damit ist der Weg für die Investition von insgesamt rund 325 Mio. EUR frei. Diese Entscheidung war der letzte wichtige Schritt der Vorbereitung und Planung des Kraftwerks.

Neubau an vorhandenem Kraftwerksstandort

Das Heizkraftwerk Marzahn in der Luftaufnahme im Jahr vor 2010.

In den kommenden Wochen beginnt der Bau des neuen Heizkraftwerks. Das geschieht auf Basis jahrelanger Planungen, Genehmigungsverfahren und Verhandlungen mit Partner-Unternehmen und Zulieferern. Das Areal an der Rhinstraße in Marzahn hat eine lange Tradition als Kraftwerksstandort. Von dort werden die umliegenden Wohngebiete seit Jahrzehnten mit Fernwärme versorgt.

Die erste Projektphase für den Neubau im Frühjahr 2012 begann damit, Anlagenteile und Nebengebäude des alten Kraftwerks zurückzubauen und Platz zu schaffen. Betroffen waren unter anderem die Kühltürme und der nördliche Schornstein. Im Zuge dieser Rückbaumaßnahmen haben die Heißwasser-Erzeuger im Süden des Geländes eine neue Erdgas-Anbindung und eine neue Elektro- und Leittechnik-Anbindung erhalten. Dabei wurde bereits darauf geachtet, dass alle notwendigen Anschlüsse an die Wasser-, Gas- sowie Fernwärmeversorgung und an das Stromnetz auch für die Neuanlage vorhanden sind bzw. gelegt wurden.

Wärme für 300.000 Berliner Haushalte

Zusammen mit den Anlagen am Standort Klingenberg wird das Heizkraftwerk Marzahn 300.000 Haushalte im Berliner Osten mit Fernwärme versorgen. Es geht bei den Planungen deshalb längst nicht nur darum, die Bauanleitung für den Neubau zu zeichnen. Vielmehr muss sich der Neubau in vorhandene Strukturen einfügen und optisch zu seiner Umgebung passen. Die Behörden achten darauf, dass die Ausmaße der Baukörper begrenzt bleiben. Auch das Erscheinungsbild der neuen Anlage wird über die Fassadengestaltung festgelegt, deren Form und Farbe werden abgestimmt. Im Fall des neuen Heizkraftwerkes in Marzahn gab es sogar einen Gestaltungswettbewerb.

Interessen des Bezirks werden berücksichtigt

Die Nachbarn werden regelmäßig über die Veränderungen und Bauarbeiten in ihrem Kiez informiert. Sie und auch die Bezirkspolitik haben großes Interesse am Bauprojekt. Den Bezirk interessiert aus einer Stadtentwicklungsperspektive, was das neue Kraftwerk für die unmittelbare Umgebung aber auch für den Bezirk insgesamt bedeutet. Darüber hinaus verspricht ein großes Bauprojekt auch immer Chancen für die lokale Wirtschaft. Denn ein Kraftwerksbau beschäftigt viele unterschiedliche Gewerke, die aus der Sicht der Bezirkspolitik von möglichst vielen lokalen Unternehmen übernommen werden.

Eine aktuelle Luftaufnahme des HKW Marzahns mit Ansicht zur Bauvorbereitung, Foto: Vattenfall

Auch rechtlich wird der Plan, ein Kraftwerk zu bauen, intensiv untersucht. Das sogenannte „BImschG“, das deutsche Bundes-Immissionsschutzgesetz ist das bedeutendste praxisrelevante Regelwerk und erstreckt sich über den Umweltschutz hinaus. Es regelt den Schutz von Menschen, Tieren, Pflanzen, Böden, Wasser, Atmosphäre und Kulturgütern. Es legt klar fest, was das Kraftwerk ausstoßen darf und welche Vorkehrungen getroffen werden müssen, um die Umweltbelastungen so gering wie möglich zu halten; das nicht nur während der Betriebsphase, sondern schon während des Anlagenbaus.

Gasgefeuertes HKW in energiepolitischer Landschaft

Für die Landespolitik gibt es ebenfalls handfeste Gründe, die sich bereits in der Planungsphase für das Kraftwerk interessieren. Vattenfall hat in der Klimaschutzvereinbarung mit dem Land Berlin vertraglich zugesichert, am Standort Marzahn Ersatz für alte Kraftwerke im Osten Berlins zu errichten. Das gasgefeuerte Heizkraftwerk muss in eine energiepolitische Landschaft passen, die in Berlin auf eine klimaneutrale Stadt in 2050 ausgerichtet ist. Die Halbierung der CO2-Emissionen der Berliner Vattenfall Kraftwerke bis 2020 gegenüber dem Referenzjahr 1990 ist dabei ein wichtiger Schritt. Dieses Ziel zu erreichen, wird auch durch das neue Heizkraftwerk in Marzahn sichergestellt. Es muss so geplant sein, dass es in den Jahrzehnten nach Fertigstellung im Jahr 2020 verlässlich die Grundlast an Wärme für den Ostteil der Stadt liefern kann. Gleichzeitig soll es aufgrund seiner hohen Flexibilität gut mit dem zunehmenden Anteil an erneuerbaren Energien aus Sonne und Wind harmonieren.

Herausforderung Wirtschaftlichkeit

Eine 3D-Grafik zum künftigen Heizkraftwerk Marzahn, Vattenfall

Das Heizkraftwerk so zu planen, dass es während seiner Laufzeit wirtschaftlich betrieben werden kann, war in der Planungsphase eine besondere Herausforderung. Während sich in früheren Jahrzehnten die energiepolitischen Rahmenbedingungen relativ langsam veränderten und dabei weitgehend vorhersehbar waren, ist die Planung von Heizkraftwerken unter den Bedingungen einer sich vollziehenden Energiewende deutlich schwerer. Das macht eine Studie des BDEW, des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft deutlich. Sie erschien 2015 und blickt auf die Jahre, in der das Heizkraftwerk Marzahn geplant wurde. Danach standen deutschlandweit praktisch alle Energieunternehmen vor der Herausforderung, neue Kraftwerke so zu planen, die wirtschaftlich betrieben werden können.

Kernteam aus 30 Leuten

Anfang Februar dieses Jahres konnten nach langer Planung und mehrfacher intensiver Prüfung die Investitionen für das Projekt in Marzahn bewilligt werden. Die ist rückwirkend ein guter Beleg dafür, alle planerischen, genehmigungsrelevanten und wirtschaftlichen Herausforderungen gemeistert zu haben. Die etwa 30 Mitarbeiter des Kernteams sind in diesen Wochen deshalb auch stolz, die Planungen abgeschlossen zu haben: Hinter ihnen liegen Jahre mit unzähligen Projekttreffen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Komplizierte und langwierige Auswahlprozesse der Partnerunternehmen und Dienstleister sowie die Zusammenarbeit mit immer wieder wechselnden externen Planern, Gutachtern und anderen Experten gehörten zu den großen Herausforderungen.

Baustart im Frühjahr 2017

Mit der finalen Investitionsentscheidung ist der Scheitelpunkt des Projektes endlich erreicht. Noch im Frühjahr wird die jahrelang beplante Fläche an der Rhinstraße in Marzahn endlich zur Baustelle. Das Heizkraftwerk zu bauen, wird sicher nicht einfacher als die Planungen. Aus der Frage danach, ob das Team angesichts der vielfältigen Herausforderungen das richtige Projekt verfolgt und gut geplant hat, wird jetzt die Frage, ob das Projekt richtig umgesetzt wird.

Olaf Schümann
Experte
10. Februar 2017

„Ich bin Maschinenbau-Ingenieur mit dem Schwerpunkt Energieanlagen. Seit 25 Jahren entwickle und realisiere ich Projekte in der Energie-Branche. Der Schwerpunkt meiner Berufserfahrung liegt dabei auf erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. 2009 bin ich zu dem Team gestoßen, das die in der Klimaschutzvereinbarung mit Berlin vereinbarten Projekte vorantreibt. 2012 habe ich die Projektleitung für die Neubauvorhaben Marzahn und Klingenberg übernommen. Nachdem wir 2014 für den Standort Klingenberg entschieden haben, die gasgefeuerte KWK-Anlage zu ertüchtigen, ist jetzt mit der Investitionsentscheidung für Marzahn der nächste wichtige Meilenstein zur Erneuerung unserer Fernwärmeversorgung im Osten Berlins erreicht.“