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Eine Fischtreppe im Harz
Experte
22. Juli 2016
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Passierbare Flüsse – durch Fischaufstiege

Seit Jahrhunderten nutzen die Menschen Flüsse, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das hat Folgen für die Natur: Dämme, Wehre, Schleusen entstehen und verhindern die Wanderung vieler Fischarten. Zahlreiche Initiativen versuchen inzwischen weltweit, die große Fischwanderung wieder zu ermöglichen und den inzwischen starken Rückgang der Fischbestände zu verhindern. Ein bedeutsames regionales Projekt im Harz zeigt, was möglich ist.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Fisch. Ihr Lebensweg führt Sie vom Meer bis weit den Fluss hinauf. Um eine Kinderstube zu finden. Das kann schon mal eine Reise von einigen Tausenden Kilometern sein.

Das ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Aber nur so kann die nächste Generation weiterleben. Dann plötzlich: Eine gewaltige Mauer. Kein Durchlass und zu hoch, um darüber zu springen. Endstation für die Nahrungssuche – und für die Familienplanung.

Fische brauchen Flüsse – Menschen auch

Bauarbeiten für einen Fischaufstieg, Foto: Ulrich Eichler

Bauarbeiten für einen Fischaufstieg, Foto: Ulrich Eichler

Viele Fischarten wie Lachs, Wels, Dorade, Stör und Aale wandern zwischen dem Meer und den Flüssen, um ihren Lebenszyklus zu vollenden. Sie sind Hunderte, oft Tausende Kilometer unterwegs auf der Suche nach Nahrung oder geeigneten Laich- und Aufwuchsgebieten. Andere Arten müssen in ihren Heimatflüssen weite Wanderungen unternehmen, um ihre Aufwuchsgebiete zu erreichen.

Auch der Mensch braucht die Flüsse: Als Trinkwasservorrat, für die Bewässerung von Feldern, bei der Energieerzeugung und für die Schifffahrt. Sie sind Nahrungsquelle und Erholungsraum. Zudem werden Wasserstände reguliert, um Überflutungen zu verhindern.

Die Folge: verschlechterte Wasserqualität, veränderte Strömungsverhältnisse, und Flussläufe mit unüberwindlichen Hindernissen. Die Fischbestände gehen inzwischen weltweit zurück oder verschwinden ganz.

Die Holtemme in Wernigerode 

Auch im Harz wurden seit Jahrhunderten Bäche und Flüsse für industrielle Prozesse genutzt. Das natürliche Flussbett der Holtemme in Wernigerode zum Beispiel war bereits im Mittelalter durch zahlreiche Querbauwerke zerteilt worden, um Mühlgräben abzuleiten.

Die Bachforelle ist das Wappentier von Wernigerode, Foto: Ulrich eichler

Die Bachforelle ist das Wappentier von Wernigerode, Foto: Ulrich Eichler

Für die Bachforelle, die hier eigentlich zuhause ist, bleibt der Wanderweg durch die bis zu drei Meter hohen Bauwerke versperrt. Statt in ihren angestammten Laichplätzen in den Oberläufen versammelten sich die Forellen im Unterwasser der Wehre – ohne große Chancen für die Fortpflanzung.

Zudem waren die Flüsse während vieler Jahrzehnte industrieller Nutzung durch die Einleitung von nicht oder nur ungenügend geklärten Abwässern stark belastet. Zur damaligen Zeit gab es keine Forellen mehr unterhalb von Wernigerode; dabei ist die Forelle nicht zuletzt aufgrund ihres einst reichen Vorkommens das Wappentier der Stadt.

Die Wende kam mit der Wende 

Nach der Wende dann die ersten Schritte: Betriebe wurden geschlossen oder ausgelagert. 1994 wurde eine neue, moderne Kläranlage in Betrieb genommen. Dadurch wurde die Wasserqualität so stark verbessert, dass wieder Forellen darin leben können.

„Die Verbesserung der Wassergüte allein reicht allerdings bei weitem nicht aus. Im zweiten Schritt wollten wir Querbauwerke wieder passierbar für Fische gestalten“, erinnert sich Ulrich Eichler, Umweltbeauftragter der Stadt Wernigerode.

Rückbau von Querbauwerken – Fortschritt für die Natur 

ein Querbauwerk, was für die Fische ein unüberwindbares Hindernis ist. Foto: xxx

Ein Querbauwerk – ein unüberwindbares Hindernis für Fische, Foto: Ulrich Eichler

Von 1996 bis 2012 wurden nach und nach alle 23 Querbauwerke in der Holtemme wieder für Fische passierbar gemacht. „In der Regel haben wir die Querbauwerke zurückgebaut oder durch Schlitzpässe ökologisch durchgängig gestaltet. Gleichzeitig haben wir die Wasserversorgung der Mühlgräben gesichert. Denn die Mühlgräben haben sich über die Zeit auch zu Biotopen entwickelt – der geschützte Feuersalamander fühlt sich hier zum Beispiel sehr wohl. Je nach Situation haben wir aber auch Sohlgleiten, Raugerinnebeckenpässe oder technische Mäanderfischaufstiege gebaut.“

Bedenken überwinden 

Ein unpassierbarer Flusslauf in Wernigerode, Foto: Ulrich Eichler

Ein unpassierbarer Flusslauf in Wernigerode, Foto: Ulrich Eichler

„Damals wurden wir ausgelacht. Es gab viele skeptische Stimmen, die fragten, was es denn bringe, wenn man ein Querbauwerk wegnimmt oder durchgängig macht – bei der Vielzahl an Hindernissen? Ich habe aber allen geantwortet: Man muss einfach damit anfangen.“

Wo einst Überzeugungsarbeit nötig war, verpflichtet heute die Europäische Wasserrahmenrichtlinie alle Eigentümer von Gewässern, diese in einen guten Zustand zu bringen und Verschlechterungen zu verhindern. Querbauwerke wie Wehr- und Stauanlagen müssen beseitigt werden oder durch Fischtreppen für Fische und Kleinstlebewesen wieder durchgängig gemacht werden.

Querbauwerk an der Holtemme im Ortsteil Hasserode vor und nach der Umgestaltung. Der Fischaufstieg ist ein Raugerinne-Becken-Pass, Foto: Ulrich Eichler

Querbauwerk an der Holtemme im Ortsteil Hasserode vor und nach der Umgestaltung. Der Fischaufstieg ist ein Raugerinne-Becken-Pass, Foto: Ulrich Eichler

„Nur mit Hilfe unserer Partner konnten wir damals den Stadtrat überzeugen, dass Geld für den Bau der Fischaufstiege ausgegeben wird. Auf Initiative der Stadt Wernigerode war es 1996 zunächst die Hasselröder Brauerei, die den ersten Fischaufstieg unterstützte; dann waren es unter anderem auch die Vattenfall Umweltstiftung und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die von den Projekten überzeugt waren und finanzielle Unterstützung leisteten.

Freie Bahn für das Wappentier von Wernigerode 

Der Erfolg gibt Ulrich Eichler Recht. Für alle Fischpassagen konnte nachgewiesen werden, dass die Fische über eine Leit- und Lockströmung den Einstieg in die Fischaufstiege finden, diese durchschwimmen und in ihre angestammten Laichgebiete gelangen. „Rund 75 Prozent sind im Oberwasser angekommen“, so Eichler.

Auch die Groppe, ist wieder in der Holtemme zuhause, Foto: Ulrich Eichler

Auch die Groppe ist wieder in der Holtemme zuhause, Foto: Ulrich Eichler

Auch die vom Aussterben bedrohte und daher streng geschützte Groppe ist heute wieder in der Holtemme zuhause – laut Ulrich Eichler ein deutlicher Nachweis für eine gute Wasserqualität.

Der Rückbau des Querbauwerkes an der Lindenmühle erfolgte 2012, Foto: Ulrich Eichler

Der Rückbau des Querbauwerkes an der Lindenmühle erfolgte 2012, Foto: Ulrich Eichler

Mit der Erfolgsgeschichte des größten Renaturierungsprojektes der Region wurde Wernigerode 2007 sogar Bundeshauptstadt im Naturschutz (in der Teilnehmerklasse 30.001 bis 100.000).

Ende gut, alles gut? Ulrich Eichler über das nächste Projekt: „Wir wollen die Elritze wieder in der Holtemme heimisch machen.“ Dafür ist jetzt auf jeden Fall der Weg wieder frei.

Weitere Informationen

Vattenfall Umweltstiftung
Wild- und Gewässerschutz 1985 Wernigerode e.V.
Stadt Wernigerode
Europas größte Fischtreppe bei Gestahcht
World Fish Migration Day am 21. Mai 2016
Europäische Wasserrahmenrichtlinie
Deutsche Umwelthilfe e.V.

 

 

Ulrich Eichler
Experte
22. Juli 2016

Als Energie- und Umweltbeauftragter der Stadt Wernigerode liegt mir der Naturschutz sehr am Herzen. Seit 1990 kümmere ich mich um den Gewässer- und Fischartenschutz. Auch in meiner privaten Zeit bin ich viel in der Natur unterwegs – vor allem mit dem Fliegen fischen.