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1. Juni 2015
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Mit neuer Methode gegen Altlasten im Meer

Ein gut vorbereiteter Untergrund ist im wahrsten Sinne des Wortes die Basis für den Bau eines Offshore-Windparks. Dazu gehören auch die Untersuchung und gegebenenfalls Beseitigung von Munitionsaltlasten. Im Baugebiet des Windparks Sandbank wurden diese Maßnahmen nun mithilfe eines innovativen Verfahrens erfolgreich abgeschlossen.

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Das Projekt Sandbank, Grafik: Vattenfall

Der Countdown läuft: Mitte Juni wollen Vattenfall und die Stadtwerke München den ersten Hammerschlag für den Offshore-Windpark Sandbank setzen – und damit den offiziellen Startschuss für den Bau ihres zweiten Gemeinschaftsprojekts in der deutschen Nordsee geben. Bevor es aber soweit ist, müssen sämtliche bauvorbereitende Arbeiten abgeschlossen sein.

„Die gründliche Untersuchung des Meeresbodens ist dabei ganz entscheidend“, sagt Jan-Hinnerk Maxl, verantwortlicher Projektmanager für die Installationslogistik im Windpark Sandbank. Zum Beispiel beeinflusst die Bodenbeschaffenheit das Windpark-Design, also den genauen Standort jeder der insgesamt 72 Windenergieanlagen. „Zudem ist es eine Frage der Sicherheit, denn aus beiden Weltkriegen können sich noch Munitionsaltlasten in der Nordsee befinden.“ Dies zu überprüfen und entsprechende Funde zu entschärfen, ist ein üblicher Vorgang in der Offshore-Industrie, bei dem entsprechende Sorgfalt zwingend erforderlich ist.

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Das ferngesteuerte Unterwassergerät an Bord des Einsatzschiffes, Foto: Vattenfall

Vom Schreibtisch auf den Meeresboden

Begonnen hatte die Analyse des Baugrunds 2013 zunächst am Schreibtisch: Im Rahmen einer sogenannten historisch-genetischen Rekonstruktion untersuchten Experten das Areal mithilfe von Archivmaterial vor allem darauf, wie stark es in der Vergangenheit in Kriegshandlungen involviert war. Der „Befund“ für Sandbank war zwar unauffällig, aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse aus der historischen Analyse fiel dennoch die Entscheidung, das Gebiet per Schiff und Spezialgerät eingehend zu erkunden.

 

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Überwachungszentrum an Bord des Einsatzbootes, Foto: Vattenfall

Unterstützt von einem Expertenteam wurde das gesamte Baufeld im Herbst 2014 mit einem am Schiff befestigten Magnetometer-Schleppgeschirr abgefahren, die dabei erfassten Daten anschließend auf magnetische Auffälligkeiten hin ausgewertet. Mit einem ferngesteuerten Unterwassergerät, im Fachjargon ROV (remotely operated vehicle) genannt, nahm das Team im nächsten Schritt die auffälligen Stellen genauer unter die Lupe. Was ist der metallische Gegenstand: Stahlschrott, ein Anker oder doch Munition? Insgesamt 26 Minen identifizierten die Spezialisten. Diese galt es nun, unschädlich zu machen.

Munitionsräumung unter Wasser

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Anbringen der Hohlladung an einem Minenfund am Meeresgrund, Foto: Vattenfall

Erstmals bei einem Offshore-Windpark kam dafür ein komplett ferngesteuertes Verfahren zum Einsatz. Vereinfacht ausgedrückt, wird dabei in der Nähe der Mine ein Behälter mit einer sogenannten Hohlladung platziert, in der sich eine speziell geformte Sprengladung befindet, die sich unter Wasser zu einem Plasmastrahl ausformt. Dieser schießt durch die Mine und macht sie so unschädlich. Das Verfahren entfaltet eine hohe Wirkung bei einer vergleichsweise geringen Ladung. „Der größte Vorteil liegt für uns darin, dass wir anders als bei bisherigen Einsätzen dieser Art keine Taucher mehr benötigen“, erklärt Maxl. „Alle Beteiligten konnten mehrere hundert Meter vom Sprengort entfernt sein.“ Um das marine Umfeld bestmöglich vor Schall zu schützen, legte Vattenfall bei jeder Sprengung einen sogenannten großen Blasenschleier. Dieser reduziert den Detonationsschall unter Wasser zum Schutz der Meeressäuger.

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Der große Blasenschleier reduziert den Detonationsschall unter Wasser zum Schutz der Meeressäuger, Foto: Vattenfall

„Sicherheit und die Gesundheit aller Mitarbeiter stehen an erster Stelle“, betont Maxl. „Deshalb haben wir sämtliche Maßnahmen ergriffen, um den Installationsfirmen ein gut zu bearbeitendes und vor allem munitionsfreies Areal zu übergeben. Hier entwickelt sich die Offshore-Industrie von Projekt zu Projekt immer weiter, sowohl technologisch als auch hinsichtlich des Sicherheitsbewusstseins.“

Die ersten Komponenten der Windenergieanlagen für Sandbank werden ab Anfang Juni auf Schiffe verladen und an ihren Bestimmungsort transportiert. Der Baustart eines weiteren wichtigen Großprojekts für die Energiewende steht also unmittelbar bevor.

Offshore-Windpark Sandbank: Daten & Fakten im Überblick

  • Lage: in der ausschließlichen Wirtschaftszone der deutschen Nordsee,
    rund 90 Kilometer vor der Insel Sylt
  • Gesamtleistung: 288 Megawatt mit 72 Anlagen
  • Produktion: 1,4 Milliarden kWh pro Jahr (für eine Versorgung von rund 400.000 Haushalten)
  • Geplanter Baustart: Juni 2015
  • Geplante Inbetriebnahme: 2017
Jan-Hinnerk Maxl
Experte
1. Juni 2015

Seit 2012 bin ich bei Vattenfall zusammen mit einem über die Zeit gewachsenen, starken Team verantwortlich für die Installationslogistik des Offshore Windparks Sandbank. Nach einem BWL- und einem berufsbegleitenden MBA-Studium sowie über 10 Jahren internationaler Erfahrung als nautischer Offizier und Tauchereinsatzleiter an Bord von Schiffen, arbeite ich seit 2010 im Bereich Offshore-Wind in verschiedenen Projekten. Mich reizen besonders der maritime Bezug, der kurzweilige Charakter der Arbeit und die Interaktion zwischen der Vielzahl an Fachleuten, die im Offshore-Bereich zusammen eine Herausforderung meistern.

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