Alle Themen
Janschwalde_power_plant_01
Experte
27. Oktober 2015
Zurück

Kohlekraftwerke gehen in Sicherheitsbereitschaft

Das Bundeswirtschaftsministerium setzt einen weiteren wichtigen Baustein aus dem energiepolitischen Eckpunktepapier um. Er enthält eine Verständigung zwischen Bund und den Energieversorgern, die bestehenden Braunkohlekraftwerksanlagen in eine befristete Sicherheitsbereitschaft zu überführen.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel unterstrich, dass diese Maßnahme wichtig sei, um die Klimaziele Deutschlands für das Jahr 2020 zu erreichen und zugleich sicherzustellen, dass es in den betroffenen Regionen nicht zu Strukturbrüchen komme. „Damit ist sie für Beschäftigte und Unternehmen eine gute und tragbare Lösung.“ Die Sicherheitsreserve soll 2.700 Megawatt umfassen und für die betroffenen Blöcke jeweils vier Jahre in Bereitschaft bleiben. Alle Betreiber erhalten für die Bereitschaft eine Vergütung. Danach werden diese Braunkohleanlagen endgültig stillgelegt.

Blöcke E und F werden eingebracht

Vattenfall bringt die beiden Blöcke E und F des Kraftwerks Jänschwalde mit zusammen 1.000 Megawatt in diese Sicherheitsreserve ein. Dies haben die entsprechenden Gremien gestern bestätigt. „Die Stilllegung der Anlagen wird einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele in Deutschland leisten. Die Vereinbarung gewährleistet auch die notwendige Versorgungssicherheit und schafft mehr Klarheit über die Rahmenbedingungen für das verbleibende Geschäft in der Lausitz. Das ist auch für den Verkaufsprozess unserer Braunkohleaktivitäten in Deutschland wichtig,“ erklärt Magnus Hall, Vorstandsvorsitzender und Präsident von Vattenfall AB.

Über die Auswirkungen für den Kraftwerksstandort Jänschwalde sprach Mareike Huster mit Kraftwerksleiter Andreas Thiem:

Herr Thiem, wie hat Ihre Mannschaft die Nachrichten vom Wochenende aufgenommen?

Andreas Thieme leitet das Kraftwerk Jänschwalde, Foto: Privat

Andreas Thieme leitet das Kraftwerk Jänschwalde, Foto: Privat

„Die große Aufregung ist ausgeblieben. Darüber, dass die beiden Blöcke des Kraftwerkes Jänschwalde Bestandteil des Konzeptes sein könnten, wurde ohnehin die ganze Zeit über laut spekuliert. Und der Gesetzesentwurf war kein politischer Alleingang: Die Gewerkschaften, Branchenverbände und auch wir selbst wurden dazu angehört. Nichts desto trotz bedeutet diese Entscheidung einen schmerzhaften Eingriff für uns als Kraftwerker, immerhin haben wir die Anlagen in den zurückliegenden Jahren aufwendig modernisiert. Da stecken das Wissen und die Arbeitskraft von zahlreichen Kollegen drin. Am Ende zählt für mich als Kraftwerksleiter aber, dass die Umsetzung des Konzeptes für die Belegschaft sozialverträglich gestaltet werden kann.“

Etwas verwunderlich ist die Auswahl des Blockes F, der erst 2014 mit innovativer Technologie, einer Zünd- und Stützfeuerung mit Trockenbraunkohle ausgerüstet wurde. Was ist der Grund dafür?

„Die Entscheidung ist schlichtweg technischer Natur. Die beiden Blöcke E und F lassen sich strukturell am einfachsten aus dem Kraftwerksstandort auskoppeln. Die Pilotanlage zur Zünd- und Stützfeuerung am Block F bleibt natürlich auch mit dem Scharfschalten der Sicherheitsbereitschaft einsatzbereit. Die Entwicklung und Optimierung der Technologie wird bis 2018 abgeschlossen sein. Nach endgültiger Stilllegung des Blockes besteht die Möglichkeit, die Anlage an einem der anderen Kraftwerksblöcke weiter zu verwenden.“

RWE hat den Abbau von 800 – 1.000 Stellen im Zusammenhang mit der schrittweisen Stilllegung seiner Anlagen angekündigt. Wird bei Vattenfall in ähnlichen Größenordnungen reduziert?

„Für mich persönlich die beste Nachricht im ganzen Prozess: Im Zusammenhang mit der Sicherheitsbereitschaft sind bei uns betriebsbedingte Kündigungen nicht vorgesehen. Die Anlagen werden ja für den Ernstfall bereitgehalten, das heißt, es bedarf auch weiterhin einer regulären Wartung und Betriebsüberwachung. Natürlich werden wir die Arbeitsabläufe und Schichtpläne den veränderten Anforderungen im Betrieb anpassen. Der personelle Anpassungsprozess für die Zeit nach der Reserve wird sozialverträglich realisiert.“

Im Zuge der Bekanntgabe der Pläne des BMWi gab es zahlreiche Reaktionen seitens Parteien und Verbänden:

Das Wirtschaftsministerium des Landes Brandenburg zeigte sich grundsätzlich zufrieden mit dem Gesetzesentwurf. Wirtschaftsminister Albrecht Gerber warnte aber auch vor einem vorzeitigen Braunkohleausstieg, da erneuerbare Energien das Industrieland Deutschland auf absehbare Zeit noch nicht sicher und zu akzeptablen Preisen versorgen können.

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Industrie (IGBCE) begrüßte, dass die Hängepartie für die Beschäftigten und die Regionen nun ein Ende habe.

Christian Lindner, Bundesvorsitzende der FDP kritisierte die Bundesregierung für  den gleichzeitigen Ausstieg aus Kohle und Kernkraft mit Blick auf die Kosten für Stromkunden und Industrie. Stattdessen fordert er das Streichen von Subventionen für die erneuerbaren Energien.

Die Grünen-Fraktion, Greenpeace und der BUND kritisierten das Konzept zur Sicherheitsbereitschaft als Milliardengeschenk an die Energiewirtschaft.

Gesamtkosten des Konzeptes trägt der Stromkunde

Der Stromkunde trägt die 1,6 Mrd. Gesamtkosten des Konzeptes über 7 Jahre im Rahmen der Netzentgeltumlage mit 0,05 Cent je Kilowattstunde. Das bedeutet durchschnittlich ein Plus auf der Stromrechnung von 1,75 € pro Jahr. Im Verhältnis dazu werden allein im kommenden Jahr 22,88 Milliarden Euro an Förderkosten für Solaranlagen, Windparks und Biomassekraftwerke über die Strompreise umgelegt.

Gesetzentwurf soll im November beschlossen werden

Der Gesetzentwurf zur Ausgestaltung der Maßnahme soll im November im Bundeskabinett beschlossen werden. Steht der Beschluss, beginnt die Sicherheitsbereitschaft im Kraftwerk Jänschwalde für den Block F am 1.10.2018, für den Block E am 1.10.2019.

Mareike Huster
Experte
27. Oktober 2015

Ich bin seit 2003 in verschiedenen Bereichen der Unternehmenskommunikation von Vattenfall tätig. Als Fachreferentin der Vattenfall Europe Generation beschäftige ich mich unter anderem mit Projekten zur Modernisierung von Braunkohlenkraftwerken.

  • Experte
    Gunnar Schmidt Gunnar Schmidt
    24. März 2017

    Saisonstart für Kältezentrale

    Seit 20 Jahren kümmere ich mich hier bei Vattenfall um Netzstationen und Kälteanlagen. Mein Berufsalltag ist sehr abwechslungsreich, denn ich [...]
  • Experte
    Alexander Jung Alexander Jung
    22. März 2017

    Energiepolitische Empfehlungen zur Bundestagswahl 2017

    Als gebürtiger Rheinländer kam ich nach dem Studium in Heidelberg und Spanien in den 90er Jahren zum Rechtsreferendariat nach Berlin. [...]
  • Experte
    Stefan Müller Stefan Müller
    20. März 2017

    Auf Energiewende ausgerichtet

    Seit 2009 bin ich bei Vattenfall und leite dort den Bereich Media Relations & Editorial in Deutschland. In der Zwischenzeit [...]