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Lektüre ist gut, Live-Erlebnis ist besser | Foto: Björn Lindner
Experte
17. August 2015
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Eine Schatzkiste der Natur: Der StadtNatur-Park in Berlin

Er ist ein einzigartiges grünes Paradies am südlichen Berliner Stadtrand – der StadtNatur-Park in Marienfelde. Seine Vergangenheit sieht man ihm längst nicht mehr an. Aus der einstigen Hausmülldeponie ist ein Biotop geworden, in dem sich seltene Pflanzen und Tiere angesiedelt haben und die Hauptstädter durchatmen können. Für Björn Lindner, Berlins einzigem NaturRanger, ist der Park am Diedersdorfer Weg zur Lebensaufgabe geworden. Wer mit ihm unterwegs ist, wird die Natur nicht nur kennen- sondern vor allem schätzen lernen.

Ranger Björn Lindner hat nur wenige Stunden Schlaf hinter sich. Schon ganz früh morgens war er mit einem Wander-Imker aus Niedersachsen unterwegs, um für die Bienenvölker einen geeigneten Standort am Park zu finden.

Hier am Lehrbienenstand können sich Kinder um die 13 Bienenvölker kümmern und selbst imkern. Den Honig kann man in der Naturschutzstation auch kaufen, Foto: Vattenfall/Bärbel Arlt

Hier am Lehrbienenstand können sich Kinder um 13 Bienenvölker kümmern und selbst imkern, Foto: Bärbel Arlt

Die rund 120 Hektar großen, zusammenhängenden Grünflächen in Marienfelde sind bei Imkern beliebt, schließlich finden ihre fleißigen Honigdamen hier ein wahres Schlaraffenland.

„Denn die Flora und Fauna, die sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, sucht im Süden Berlins ihresgleichen“, schwärmt Lindner und fängt an aufzuzählen, welche geschützten Pflanzen und Tiere heimisch geworden sind: u. a. verschiedene Nelkenarten, Mäuseschwänzchen und Schlangenäuglein sowie Zauneidechse, Moorfrosch, Kammmolch und Knoblauchkröte, Feldhase, Dachs und Neuntöter, Pirol, Goldammer und Graues Langohr.

 

Sogar Frösche und Kröten fühlen sich hier im Biotop richtig wohl, Foto: Björn Lindner

Frösche und Kröten fühlen sich hier im Biotop richtig wohl, Foto: Björn Lindner

„Rund 50 Brutvogelarten haben sich hier angesiedelt“, ist der NaturRanger begeistert und verrät, dass sein Lieblingsvogel der Pirol ist. Zwar sieht man den Singvogel mit dem zitronengelben Gefieder nur sehr selten, dafür aber hört man recht oft seinen flötenden Ruf. Doch auch die Wiesenflächen, die vielen kleinen Tümpel und Sanddünen machen das StadtNatur-Biotop so wertvoll für Berlin.

Von einer Mülldeponie zum Biotop

Der Natur- und Landschaftspfleger aus Marienfelde kümmert sich seit 2007 mit viel Idealismus und vielen ehrenamtlichen Helfern um den Aufbau des Parks und damit um Erhalt, Schutz und Entwicklung der Artenvielfalt am Berliner Stadtrand.

Von 1950 bis 1981 war das Areal eine Hausmülldeponie. Nach ihrer Schließung holte sich die Natur das Terrain Stück für Stück zurück und wurde zum Freizeitpark. Allerdings kam es 2001 zu einer Methangas-Verpuffung und das Gelände musste aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. 2005 dann die Wiedereröffnung und der NaturRanger sollte schauen, wie sich die Pflanzen – und Tierwelt entwickelt hat und wie es mit dem Gelände weitergehen könnte.

Während der Schließung des Areals konnte sich ungestört ein Refugium für Flora und Fauna entwickeln, Foto: Björn Lindner

Während der Schließung des Areals konnte sich ungestört ein Refugium für Flora und Fauna entwickeln, Foto: Björn Lindner

Er war überwältigt von dem, was er vorfand: Es hatte sich in den Jahren der Schließung ungestört ein Refugium für Flora und Fauna entwickeln können. Björn Lindner konnte Tier- und Pflanzenarten nachweisen, die unter Artenschutz und auf der Roten Liste stehen. Für ihn war klar: Dieses StadtNatur-Biotop muss erhalten werden. So wurde der Park zu seiner Lebensaufgabe.

Von Kräuterbeet bis grünes Klassenzimmer

„Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, bei kleinen und großen Besuchern Bewusstsein für die Natur zu entwickeln. Dafür ist es vor allem entscheidend, sie einzubinden“, weiß der gebürtige Niedersachse aus Erfahrung.

So ist in den vergangenen Jahren vieles entstanden: eine Naturschutzstation mit Lehrbienenstand, wo Kinder selbst imkern können, Gemüse- und Kräuterbeete, Hühnerhof und Hasenstall sowie ein Schmetterlingshaus, in dem sich heimische Falter entwickeln.

Im StadtNatur-Park lernen Kinder, die Natur mit Fühlen, Hören, Sehen, Schmecken und Riechen zu entdecken und zu erleben, Foto:  Björn Lindner

Im StadtNatur-Park lernen Kinder, die Natur mit Fühlen, Hören, Sehen, Schmecken und Riechen zu entdecken und zu erleben, Foto: Björn Lindner

Besonders stolz ist Björn Lindner auf das grüne Klassenzimmer. Dahinter verbirgt sich Unterricht im Freien. „Kinder sollen lernen, die Natur mit Fühlen, Hören, Sehen, Schmecken und Riechen zu entdecken und zu erleben. Für Großstadtkinder eine Seltenheit.“

Die Zwiebelfrösche von Marienfelde

Die Einbindung von Schulen und Kitas ist ihm wichtig und er erzählt davon, dass Kinder hier oft zum ersten Mal mit Tieren und Pflanzen hautnah in Berührung kommen, aber auch enttäuscht sind, wenn sie den Vogel, der gerade zwitschert, nicht sehen. „Aber selbst an Geräuschen, Spuren und Gerüchen kann man viel über das Tier erfahren.“ Doch der 45-Jährige will aus den Kindern, die in den Park kommen, keine Wissenschaftler machen. Er und seine Mitstreiter von der Naturwacht Berlin möchten sie für die Natur sensibilisieren.

Und dass dieser Anspruch erfolgreich ist, zeigen zum Beispiel die kleinen Marienfelder „Zwiebelfrösche“, so benannt nach der heimischen Knoblauchkröte. Das sind rund 30 Kinder im Alter zwischen sieben und elf Jahren, die im Park als JuniorRanger ihre Freizeit verbringen. Sie beobachten und zählen Tiere, bestimmen Pflanzen, kümmern sich im Lehrbienenstand um rund 13 Bienenvölker und deren süßes Produkt, den Honig, den man in der Naturschutzstation auch kaufen kann.

Spaziergang bis zum Alpengipfel

Wandern im Naturpark Marienfelde, Foto: Vattenfall/Bärbel Arlt

Wandern im Naturpark Marienfelde, Foto: Bärbel Arlt

Doch nicht nur kleine Besucher zieht das Marienfelder Biotop an. Er ist auch zu einem beliebten Rückzugsgebiet für den gestressten Großstädter geworden, der hier gern auf dem 1,5 Kilometer langen Erlebnispfad wandelt.

Ein schönes Ziel ist der rund 80 Meter hohen Alpengipfel. Um ihn zu erklimmen, müssen 40 Höhenmeter und eine hölzerne Treppe überwunden werden. Der Aufstieg lohnt, denn der Panorama-Blick reicht durchaus bis zum Fernsehturm. „Von hier aus“, sagt Björn Lindner „führen übrigens alle Wege zu unserem geplanten Freilandlabor, das von der Vattenfall Umweltstiftung unterstützt wird.“

Mit Lupe durchs Freilandlabor

Ungefähr hier wird das Freilandlabor entstehen, Foto: Vattenfall/Bärbel Arlt

Ungefähr hier wird das Freilandlabor entstehen, Foto: Bärbel Arlt

Auf 3.000 Quadratmetern soll mit Lupe und Mikroskop all das entdeckt werden, was im Verborgenen steckt. Kleine Tümpel werden entstehen, ein Barfußgang und Aquarien, in denen Kleinstlebewesen sichtbar werden wie zum Beispiel die Wasserlinse, die kleinste Blütenpflanze der Welt.

Björn Lindner und Andreas Winter im künftigen Freilandlabor, Foto: Vattenfall/Bärbel Arlt

Björn Lindner und Andreas Winter im künftigen Freilandlabor, Foto: Bärbel Arlt

„Im April 2016 wollen wir das Freilandlabor eröffnen“, so der NaturRanger, der die Unterstützung durch Unternehmen, Sponsoren, Bezirksamt, Naturwacht aber auch die Spenden der Bevölkerung sehr schätzt. „Ohne diese Hilfe könnten wir unsere Arbeit nicht bewältigen und umsetzen.“

Rund 8.000 Euro hat die Vattenfall Umweltstiftung für das Projekt zur Verfügung gestellt. „Wir investieren dieses Geld sehr gern, geht es doch hierbei zum einen um Bewusstseinsentwicklung für den Naturschutz, zum anderen werden Kinder und Jugendliche für den Schutz von Pflanzen und Tieren begeistert“, begründet Beate Märtin die Entscheidung des Stiftungsbeirates. Die Vattenfall Mitarbeiterin ist seit mehreren Jahren zuständig für die Umweltstiftung.

Vattenfall Mitarbeiterin Beate Märtin am NaturKlang, Foto: Vattenfall/Bärbel Arlt

Vattenfall Mitarbeiterin Beate Märtin am NaturKlang, Foto: Bärbel Arlt

Die Stiftung besteht seit 21 Jahren und hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinnützige Umwelt- und Naturschutzprojekte zu fördern. „Bisher sind es 150 Projekte, an denen sich die Stiftung beteiligt hat“, so Märtin stolz.

Sommerkonzert der Nachtigallen

Über den Marienfelder Park ist inzwischen die Dämmerung eingezogen. Für Björn Lindner einer der schönsten Momente nach einem arbeitsreichen Tag. Dann lauscht er den Gesängen der Nachtigallen, die für ihn wie ein Sommernachtskonzert sind. Und mit etwas Glück fliegt dabei lautlos eine Eule vorbei, huscht ein Reh oder ein Dachs über die Wiese.

Und leise sagt er: „Natur macht glücklich, Stunde für Stunde, Tag für Tag. Man muss sich halt nur die Zeit dafür nehmen. Ich möchte, dass es vielen Menschen genau so geht.“

 

Informationen zum StadtNatur-Park

Wer mehr über den StadtNatur-Park in Marienfelde erfahren möchte informiert sich hier:

Naturwacht Berlin e. V.
Diedersdorfer Straße 3 – 5
12277 Berlin
Tel.: 030/757 74 766

www.naturwachtberlin.de
www.berlin-marienfelde.de/natur

Doch am besten ist es, sich bei einem Spaziergang oder einer Führung selbst ein Bild vom einzigartigen Berliner Biotop zu machen.

Björn Lindner
Experte
17. August 2015

Ich bin staatlich geprüfter Natur- und Landschaftspfleger und Berlins einziger NaturRanger. Seit 2006 arbeite ich in der Hauptstadt, war vorher auch in Sachsen und Brandenburg im Einsatz. Der StadtNatur-Park in Marienfelde, um den ich mich seit 2007 kümmere, ist neben meiner Familie meine große Leidenschaft und für mich mehr als nur ein Arbeitsplatz. Denn der Schutz, der Erhalt und die Entwicklung unserer heimischen Natur ist die Grundlage unserer Arbeit in der Naturwacht. Gemeinsam verknüpfen wir Naturschutz mit Bildung nach dem Motto „Wir können nur schützen, was wir auch kennen“. Im vergangenen Jahr wurde die Naturwacht Berlin als gemeinnütziger Verein ins Leben gerufen. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Partner und soll als Bindeglied zwischen Natur, Einwohner, Institutionen, Vereinen und der Stadt entwickelt werden. Übrigens lebe ich sehr gern am Stadtrand Berlins, der grünsten Metropole Europas.

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