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Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Wärme Hamburg
Experte
24. November 2017
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Wärmewende in Hamburg: fossilfrei innerhalb einer Generation

Fossilfrei innerhalb einer Generation zu sein ist Vattenfalls Ziel. In Hamburg wird bereits an einer Alternative zum Kohlekraftwerk in Wedel gearbeitet. Dabei stellt sich die Frage, wann komplett auf Wärme aus Kohle verzichtet werden kann und welche Kostensteigerungen den Fernwärmekunden zugemutet werden können.

Hamburg vom Blick über die Alster, Foto: Vattenfall

Im Interview mit Frank Drieschner von der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagt Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Wärme Hamburg, dass das Unternehmens die Fernwärme insgesamt möglichst umweltfreundlich erzeugen und gleichzeitig stabile Preise und eine Versorgungssicherheit garantieren will. Das Interview erschien zuerst in der Wochenzeitung „Die Zeit“: 

Pieter Wasmuth, die Hamburger Landesregierung will ab 2025 in der Fernwärmeversorgung der Stadt auf Kohle verzichten. Können wir darüber offen sprechen? 

Pieter Wasmuth: Ja, natürlich.

Ihr Unternehmen ist ein Partner der Stadt, bei allem, was Sie tun, sind Sie auf die Unterstützung der Politik angewiesen. Können Sie es sich überhaupt leisten, die Hamburger Regierungsparteien öffentlich zu kritisieren?

Ich weiß nicht, ob wir mehr als andere darauf angewiesen sind, uns mit der Politik auszutauschen. Fakt ist, dass die Stadt an unserer Gesellschaft mit 25,1 Prozent beteiligt ist. Trotz dieser Sperrminorität haben wir vereinbart, dass alle Investitionsentscheidungen einstimmig getroffen werden. Wir als Vattenfall können ohne Zustimmung der Stadt nichts entscheiden, die Stadt ohne uns aber auch nicht. Das ist aus meiner Sicht der Situation auch angemessen.

Die Entscheidung für den Kohleausstieg ist demnach auch einvernehmlich gefallen. Ist Ihnen die Zustimmung schwer gefallen?

Vattenfall will innerhalb einer Generation aus fossilen Brennstoffen in allen Ländern aussteigen. In Hamburg arbeiten wir schon seit vielen Jahren daran, eine Alternative zum Kohlekraftwerk in Wedel zu realisieren und das alte Kohlekraftwerk abzuschalten. Die Idee, Tiefstack im Rahmen einer großen Revision von Kohle auf Gas umzurüsten, ist Ergebnis unserer Überlegungen. Die Frage, wann man komplett auf Wärme aus Kohle verzichten kann, wird letztlich aber auch zu einer Frage, welche Kostensteigerungen man dem Fernwärmekunden zumuten kann. Da wir die Berechnungen der BUE hinsichtlich der preislichen Auswirkungen nicht kennen, können wir den genannten Termin nicht abschließend beurteilen.

Die Landesregierung will zum Ersatz des alten Kraftwerks in Wedel kein neues Kraftwerk bauen, sondern stattdessen Abwärme aus unterschiedlichen Quellen nutzen. Sie haben diese Lösung einmal die bestmögliche genannt. Warum?

Generell sind wir davon überzeugt, dass die Erschließung vorhandener Wärmequellen und deren Anschluss an unser Fernwärmesystem die bestmögliche Lösung für eine zukunftsfähige Versorgung ist. So können die CO2-Emissionen pro versorgter Wohneinheit nachhaltig gesenkt und ein Beitrag zur Erreichung der Hamburger Klimaschutzziele geleistet werden.

So originell ist die Idee, statt klimaschädlicher Brennstoffe Industrieabwärme zu nutzen, ja nun auch wieder nicht. Warum muss Hamburg warten, bis mal die Grünen mitregieren, damit diese Frage endlich untersucht wird?

Es ist nicht so, dass wir uns nicht auch schon mit der Frage der industriellen Abwärme beschäftigt hätten. Es gibt jedoch technische Herausforderungen, die nicht leicht zu überwinden sind. Wir benötigen zum Beispiel in unserem Gesamtsystem der Fernwärmeversorgung an extremen Wintertagen eine Systemtemperatur von über 130 Grad, dies ist historisch bedingt Das heißt, jede Wärmequelle muss 130 Grad warmes Wasser liefern. Die industrielle Abwärme des Kupferunternehmens Aurubis oder Wärmepumpen kommen nicht auf diese Temperatur. Das gelieferte Wasser muss zusätzlich erhitzt werden, um es für das System nutzen zu können.  Somit muss darüber nachgedacht werden, was dafür zusätzlich investiert werden muss und es kosten darf, damit es am Ende für den Kunden  auch noch bezahlbar bleibt.

Vattenfall ist das viert größte Energieunternehmen in Deutschland, Sie haben mindestens so viele Experten wie die Umweltbehörde. Verstehen wir Sie richtig: Gestützt auf Ihre Expertise sagen Sie, ganz so, wie die Behörde es sich vorstellt, wird es nicht gehen?

Zunächst einmal finde ich es gut, dass die Behörde Untersuchungen angestellt und nun einen Vorschlag für eine alternative Wärmeversorgung vorgestellt hat. Wir haben diesen Vorschlag zur Kenntnis genommen und analysieren und bewerten ihn derzeit im Kontext unserer Unternehmensplanungen. Natürlich halten auch wir die Erschließung vorhandener Wärmequellen und den Anschluss an unser Fernwärmesystem für sinnvoll. Gleichzeitig haben wir den Anspruch, dass neben einer umweltfreundlichen Erzeugung auch die Preise stabil bleiben und die Versorgungssicherheit garantiert wird. 

Vorhin sagten Sie, es sei immer richtig, vorhandene Wärmequellen zu nutzen. Haben Sie da auch an Ihr großes Heizkraftwerk in Moorburg gedacht?

Das Heizkraftwerk  Moorburg ist da und liefert heute schon Wärme an einen benachbarten Kunden Es gibt in Deutschland eine Diskussion über die Benutzungsdauer von Kohle, wie in anderen Ländern auch. Aber Moorburg, als eines des effizientesten fossilen Kraftwerke in Europa, wird sehr wahrscheinlich eines der letzten Kohlekraftwerke in Deutschland sein, das abgeschaltet wird. Deshalb sollte man sich die Frage stellen, ob man die Wärme in die Atmosphäre abgeben oder nicht doch lieber nutzen möchte, um Wohnungen zu heizen.

Moorburg steht südlich der Elbe, genau wie die Metallwerke von Trimet und ArcelorMittal, deren Abwärme die Stadt kaufen möchte. Diese Wärme wird aber im Norden gebraucht. Wenn die Wärmeleitung unter der Elbe einmal gebaut ist, die demnach nötig wird – warum sollte man dann nicht auch Wärme aus Moorburg hindurch leiten?

Der Senat hat, als gewählter Vertreter der Hamburger Bürger, in den letzten zwei Jahren viel Arbeit und Geld in ein Konzept investiert, das ohne Wärme aus Moorburg auskommt.

Nichtsdestotrotz wäre eine Anbindung der Anlage technisch möglich. Wenn man sich den Hamburger Stadtplan anguckt, dann ist doch die entscheidende Frage, wo gibt es in der Stadt bereits Wärmequellen und wo können  Wärmequellen errichtet werden. Südlich der Elbe sind die Voraussetzungen einfach günstiger. Am Standort Haferweg

… nördlich der Elbe, wo Sie bereits ein Gas-Heizwerk betreiben …

… da entsteht direkt daneben am Diebsteich der neue große Bahnhof, da möchte die Stadtentwicklungsbehörde den Bau von  Hotels und eines Einkaufszentrums ermöglichen.. Wenn man auf die Wärmequellen südlich der Elbe verzichtet, müsste dort stattdessen ein Kraftwerk hin und eine Entscheidung getroffen werden, welche der konkurrierenden Pläne man verfolgen will.

Wir verstehen, dass Sie da etwas ungeduldig werden. Alle vier Jahre wird neu gewählt, und danach setzt die Politik neue Prioritäten. Wie können Sie da Investitionen für Jahrzehnte planen? 

Das wird zunehmend schwieriger. Deswegen sind für unser Unternehmen wie für jedes andere, das ein kapitalintensives Geschäft betreibt, Verlässlichkeit von Verabredungen und Rahmenbedingungen extrem wichtig.

Wie viel hat Vattenfall in der Vergangenheit eigentlich für Pläne bezahlt, die schließlich nicht realisiert wurden?

Wenn Sie Planungskosten ansprechen und auch teilweise schon getätigte Investitionen, zum Beispiel für die Wärmeauskopplung in Moorburg, dann kommen Millionenbeträge zusammen.

Für den Ersatz des alten Kohlekraftwerks in Wedel ist inzwischen so ziemlich jede Lösung irgendwann einmal betrachtet worden. Was halten Sie denn aus heutiger Sicht vom Plan der SPD, dort ein modernes Gaskraftwerk zu errichten?

In diesem Kraftwerk sollte ja nicht nur Wärme erzeugt werden, sondern auch Strom. Und beim Strom haben sich die Erwartung an die zukünftige Entwicklung der Preise in den letzten Jahren komplett verändert. Da sich auch der Förderrahmen verschlechtert, stellte sich dieses Heizkraftwerk als nicht mehr wirtschaftlich dar. Das ist auch der Grund, warum auch an anderen Orten in Deutschland keine Gaskraftwerke mehr gebaut werden.

Im Prinzip ist Gas ein weniger klimaschädlicher Brennstoff als Kohle. Im Fall von Moorburg geht es aber um ein Kraftwerk, das ohnehin läuft, und das nur etwas Kohle zusätzlich verbrauchen würde, wenn dort außer Strom auch Wärme produziert würde. Wäre das Gaskraftwerk der Sozialdemokraten eigentlich ökologisch besser als die Nutzung von Wärme aus Moorburg?

Das ist eine Frage der Berechnungsmethode, in der Größenordnung ist beides ungefähr vergleichbar. Und beides ist jedenfalls erheblich besser, als das Kohlekraftwerk Wedel weiter zu betreiben.

Dieses Kraftwerk verursacht in letzter Zeit erhebliche Probleme. Es verteilt  Partikel in seiner näheren Umgebung. Warum muten Sie das den Anwohnern zu? 

Die Anlage in Wedel wurde Anfang der 1960er Jahre gebaut, und ist technisch nicht auf dem gleichen Stand wie beispielsweise das Heizkraftwerk Moorburg. Leider können wir darum auch künftig einen Partikelaustrag nicht zu 100 Prozent ausschließen. Es ist aber unser Ziel, die Belästigungen für unsere direkte Nachbarschaft auf ein möglichst geringes Maß zu reduzieren.

Die örtliche Bürgerinitiative hat Gutachten zu Lackschäden an den Autos der Anwohner, deren Reparatur vierstellige Beträge kostet. Angeblich ist darunter sogar ein Totalschaden. Es kann doch nicht der Normalbetrieb eines etwas älteren Kraftwerks sein, der solche Schäden verursacht.

Laut Gutachter stellen diese Partikel keine Gesundheitsgefahren für Mensch und Natur dar. Nachweislich bleibende Schäden wurden bisher nicht festgestellt. Sollte es wieder zu Partikelemissionen kommen, werden wir – wie bereits in der Vergangenheit – auch künftig unbürokratisch und kulant verfahren.

Sie haben ein neues Heizwerk am Haferweg errichtet, dessen Leistung die meiste Zeit über ausreichen würde, das Kraftwerk in Wedel zu ersetzen – nur an sehr kalten Wintertagen nicht. Warum schalten Sie das alte Kohlekraftwerk nicht einfach ab, wenn es nicht unbedingt gebraucht wird? 

Spitzenlastkraftwerke wie das Heizwerk Haferweg dienen zur Absicherung bei Ausfall, nicht zur stetigen Versorgung, da wir ansonsten im Falle eines Engpasses keine Reservekapazitäten mehr hätten. Außerdem ist das Kraftwerk in Wedel ist eine stromerzeugende Einheit, die dürfen wir laut Regularien des europäischen Strommarktes dem Markt nicht einfach entziehen.

Pardon, jeder Betreiber kann ein Kraftwerk stilllegen, es sei denn, die Bundesnetzagentur halte es für „systemnotwendig“. Norddeutschland kommt aber problemlos ohne den Strom aus Wedel aus. 

Was die Stromversorgung angeht gebe ich Ihnen recht, im Vergleich zum Heizkraftwerk Moorburg ist Wedel für die Stromversorgung nicht systemrelevant. Die Diskussion dreht sich aber um einen Kampagnenbetrieb nur während der Heizperiode, nicht im Sommer. Eine solche, temporäre Verfügbarkeit ist im Regelungsrahmen des Strommarktes nicht vorgesehen. Wenn wir Wedel aus dem System abmelden, dann ganz oder eben gar nicht. Und gar nicht ist keine Option: Durch das Heizkraftwerk wird die Versorgung für 120.000 Wohneinheiten mit Fernwärme sichergestellt, das hat für uns als Geschäftsführung und im Gesellschafterkreis oberste Priorität.

Die Bürgerinitiative will jetzt die Stilllegung des Kraftwerks vor Gericht durchsetzen. Was geschieht, wenn sie damit Erfolg hat?

Dann wird’s in Hamburg kalt. Warten wir erst einmal das Ergebnis ab, schließlich unterschreiten wir alle genehmigungsrelevanten Emissionsgrenzwerte regelmäßig deutlich. Auch wenn dies nicht alle gerne hören, aber aus unserer Sicht gibt es keinen Anlass, dieses Kraftwerk nicht solange zu betreiben, bis eine Ersatzlösung in wenigen Jahren zur Verfügung steht.

Fernwäme in Hamburg

  • Die Fernwärme-Sparte in Hamburg hat in den vergangenen Jahren verschiedene Anläufe unternommen, um einen Ersatz für das Heizkraftwerk Wedel zu realisieren.
  • Eine geplante Fernwärmeleitung zum Heizkraftwerk Moorburg wurde aufgrund einer Anwohnerklage erfolgreich beklagt.
  • Eine geplante Gas-und-Dampf-Anlage am Standort Wedel wurde aufgrund geänderter Rahmenbedingungen fallen gelassen.
  • Die Stadt Hamburg hält 25,1 Prozent an der Vattenfall Wärme Hamburg GmbH (VWH) und hat die Option zum Erwerb der verbleibenden 74,9 Prozent.
  • Die anstehende Entscheidung für ein Ersatzkonzept der Hamburger Wärmeversorgung wird konsensual im Dezember 2017 vom Aufsichtsrat der VWH getroffen.

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Mein Herz schlägt für den Norden, nicht nur privat sondern auch dienstlich. Als Geschäftsführer der Vattenfall Wärme Hamburg und der Vattenfall Nuclear Energy sowie als Generalbevollmächtigter für Hamburg und Norddeutschland, bin ich für einen Teil der Geschäfte des Unternehmens in dieser Region verantwortlich. Dabei sind die konventionelle Energieerzeugung und die erneuerbare für mich kein Widerspruch, sondern eine sinnvolle Ergänzung. Schließlich komme ich als ehemaliger Vorstand der REpower Systems AG auch aus dieser Branche. Es ist eine spannende Aufgabe, die Energiewende zu begleiten.