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Castor-Behälter im Brennelementlagerbecken
Experte
10. Januar 2018
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Wie funktioniert der Rückbau eines Kernkraftwerks?

2012 wurde bei der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde der Antrag auf Stilllegung und Rückbau für das Kernkraftwerk Brunsbüttel gestellt. Was bis zur Wiederherstellung einer grünen Wiese passieren muss, erklärt Kraftwerksleiter Markus Willicks.

Vor rund 40 Jahren wurde das Kernkraftwerk Brunsbüttel in Betrieb genommen. Seit 2007 wird kein Strom mehr produziert und 2012 wurde bei der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde der Antrag auf Stilllegung und Rückbau gestellt. Bis zur Wiederherstellung einer grünen Wiese wird insgesamt mit einem Zeitraum von circa 15 Jahren gerechnet. Markus Willicks, seit Juli 2017 Leiter des Kraftwerks, erklärt, was beim Rückbau geschieht und was noch zu tun ist.

Kernkraftwerk Brunsbüttel 2017, Foto: Vattenfall

Genehmigungsverfahren

Das Antragsverfahren auf Stilllegung und Rückbau läuft seit November 2012, seitdem wurden viele Dokumente, Berechnungen und Unterlagen bei der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde eingereicht. „Der Rückbau geschieht in mehreren Phasen, die sich zum Teil überlappen und für die wir verschiedene Genehmigungen brauchen. Die erste Genehmigung – die sogenannte 1. Stilllegungs- und Abbaugenehmigung – beschreibt die Arbeiten insgesamt und ist eine Art Fahrplan für den Rückbau“, sagt Markus Willicks. „Diese erste Genehmigung erwarten wir für Mitte 2018 – und dann kann es richtig losgehen.“

BfE – Stand des Genehmigungsverfahrens am Standort-Zwischenlager Brunsbüttel

„Wichtig ist dabei auch der stetige Dialog mit allen Beteiligten: mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort, mit der Politik, mit den Umweltverbänden, letztendlich mit allen Interessierten“, weiß Markus Willicks. 

Entfernen der abgebrannten Brennelemente

Das heißt nicht, dass bisher außer Papierarbeit nichts passiert ist – im Gegenteil. „Bevor das Kernkraftwerk zurückgebaut wird, haben wir die abgebrannten Brennelemente aus dem Inneren entfernt, dann gestaltet sich auch der anschließende Rückbau einfacher und sicherer“, erklärt Markus Willicks. Das Ausladen der Brennelemente wurde am 13. Juni 2017 beendet, seitdem ist das Kraftwerk Brunsbüttel brennelementfrei.

Die Brennelemente befinden sich nun im Standortzwischenlager in CASTOR®-Behältern. Die Zeit bis zur Genehmigung wird zur weiteren Vorbereitung und detaillierten Planung des Rückbaus genutzt. So werden nicht mehr benötigte Systeme, zum Beispiel die Kühlung für die Brennelemente, dauerhaft außer Betrieb genommen oder auch neue Systeme errichtet. So wird für den überdimensionierten Hilfs-Ölkessel, der früher zum Anfahren der Kraftwerksanlage notwendig war und als „Nebenprodukt“ Wärme für das Kraftwerk geliefert hat, eine umweltfreundliche Gasheizung installiert. Im Maschinenhaus werden bereits erste Maschinen aufgestellt, die später für die Bearbeitung der beim Rückbau anfallenden Reststoffe benötigt werden.

Kernkraftwerk Brunsbüttel im September 2017, Foto: Vattenfall

Abbau aller Bereiche

Auch wenn die Genehmigung erteilt ist, wird vom Rückbau die ersten Jahre von außen nicht viel zu sehen sein. Markus Willicks: „Grob vereinfacht: wir bauen alle Systeme, Behälter, Armaturen, Pumpen, Stahlbühnen – einfach alles – aus dem nuklearen Bereich, dem Kontrollbereich, ab. Alles wird zerlegt, gereinigt (dekontaminiert), und entweder „freigemessen und freigegeben“ oder als radioaktiver Abfall entsorgt. Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle werden in Behälter gepackt, die später ins Endlager Schacht Konrad gebracht werden. „Da Schacht Konrad nicht rechtzeitig in Betrieb geht, bauen wir hier am Standort ein Lager für schwach und mittelaktive Abfälle, wo die Abfälle bis zum Transport ins Endlager zwischengelagert werden“, erklärt Markus Willicks.

Abbau des Reaktordruckbehälters

Das erste große Projekt nach Erteilung der Genehmigung wird die Zerlegung und Verpackung der Einbauten des Reaktordruckbehälters sein. Die Arbeiten an diesen Komponenten, die sich beim Leistungsbetrieb in unmittelbarer Nähe zu den Brennelementen befanden, finden unter Wasser statt, um die Mitarbeiter vor der Strahlung zu schützen. Etwa zeitgleich beginnt der Abbau im Reaktorgebäude und im Maschinenhaus.

Für einen reibungslosen Rückbau ist es unbedingt notwendig, alle anfallenden Abfälle und Wertstoffe möglichst ohne Verzögerung abzutransportieren, um im Kraftwerk Platz für den weiteren Rückbau zu schaffen. Neben den radioaktiven Abfällen, die mit unter drei Prozent nur den geringsten Anteil der gesamten Abfallmenge ausmachen, müssen auch alle freigegebenen Stoffe, zum Beispiel Metalle oder Bauschutt, entsorgt werden. Diese werden entweder dem Wertstoffkreislauf zugeführt oder entsorgt.

Dialog mit der Öffentlichkeit

„Das Thema „Deponierung“ hat in der Öffentlichkeit sehr viel Interesse gefunden und wir haben schon viele Besuchergruppen – Politik, Presse und Bürgerinitiativen – ins Kraftwerk eingeladen, um den Prozess zu zeigen und Fragen aus erster Hand zu beantworten“, betont Markus Willicks die Bemühungen um einen intensiven Dialog mit der Öffentlichkeit.

Bei den Informationsveranstaltungen „Energiewende konkret“ können sich benachbarte Mitbürger über den aktuellen Status zum Rückbau des Kernkraftwerks informieren – hier am 1. November 2017. Foto: Vattenfall

 

Beim Rückbau der Anlage werden, je nach Phase, mehrere Hundert Personen im Kraftwerk tätig sein. Bei der Planung und Durchführung der Arbeiten spielt neben dem Strahlenschutz auch die Arbeitssicherheit eine große Rolle. „Es ist viel Arbeit, die alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt. Trotzdem ist der Rückbau eines Kernkraftwerkes eine höchst interessante Aufgabe, bei der alle ihre Erfahrungen einbringen können und die einfach Spaß machen kann“, sagt Markus Willicks.

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Bisher im Blog auch erschienen:

Erfahrungsaustausch in Punkto Rückbau

Kavernen in Brunsbüttel werden geräumt

Spezialgreifer für Fässer in Brunsbüttel

Links

60 Sekunden Rückbau: ein Video

Markus Willicks
Experte
10. Januar 2018

1966 bin ich geboren und in Kamp-Lintfort, einer Bergbaustadt am Niederrhein, mittendrin im Karneval, aufgewachsen. Ich studierte Maschinenbau / Verfahrenstechnik an der RWTH Aachen. 1993 begann ich bei der HEW / Vattenfall und war bis 2001 als Projektingenieur für Brunsbüttel und Krümmel tätig. Von 2002 an war ich insgesamt 14 Jahre lang für die Reaktoranlagen im Kernkraftwerk Krümmel und später für den Fachbereich Maschinentechnik verantwortlich. Am 1. Januar 2017 wechselte ich nach Brunsbüttel und übernahm die Leitung des Kernkraftwerks Brunsbüttel. Der Rückbau der Anlage und der damit einhergehende Veränderungsprozess des Betriebs stellen eine besondere Herausforderung dar, die ich gerne führend begleite. In meiner Freizeit habe ich mich der Musik verschrieben und leite einen Chor in Hamburg.

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