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HKW Mitte in Berlin
Experte
10. Mai 2017
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„Wir haben keine Angst vor Wettbewerb“

Berlin ist anders, Metropolen sind anders, auch wenn es um die Herausforderung der Energiewende geht. Wie genau und welche Rolle das Kraftwerk Marzahn dabei spielt, diskutieren wir mit Gunther Müller, Vorstandsvorsitzender der Vattenfall Wärme Berlin AG und Udo Niehage, der bis 30. April 2017 Beauftragter für die Energiewende bei Siemens war.

Herr Müller, Herr Niehage, Energiewende in Berlin bedeutet auch den umfassenden Umbau der Energieinfrastruktur. Vattenfall baut mit Siemens als Generalunternehmen ein gasgefeuertes Heizkraftwerk im Berliner Bezirk Marzahn. Inwieweit ist dieses neue Kraftwerk zukunftsweisend? Welchen Beitrag leisten die Vattenfall Wärme Berlin AG und Siemens zu einer klimafreundlicheren Energieversorgung?

Udo Niehage und Gunther Müller diskutieren im HKW Mitte über die Energiewende, Foto: Vattenfall

Gunther Müller: Unser Anliegen ist es, die Energie- und Wärmewende in Berlin und anderen großen Städten mit Innovation voranzutreiben. Das Beispiel Marzahn ist ein ganz wichtiger Punkt für die CO2-Reduzierung der Stadt mit einem flexibel zu steuernden Kraftwerk. Wir steigen im Heizkraftwerk Klingenberg aus der Braunkohle aus und verlagern auf ein hocheffizientes Gaskraftwerk. Pro Kilowattstunde Wärme liegt der CO2-Ausstoß in Marzahn um zwei Drittel niedriger als im Kohlekraftwerk Klingenberg. Damit sparen wir 600 000 Tonnen CO2 im Jahr ein.  Das reduziert den CO2-Ausstoß pro Einwohner und Jahr um rund 170 kg.

Udo Niehage: Die Anlage ist ein wichtiger Bestandteil der Wärmewende in Berlin, die in der Debatte um die Energiewende bislang zu wenig Beachtung fand. Es ist eine hocheffiziente Anlage, die in Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet und neben Strom auch Wärme für das Berliner Fernwärmenetz produziert. Deshalb können wir den Brennstoff Gas zu über 90 Prozent ausnutzen. Insgesamt führt das zu einem sehr geringen CO2-Ausstoß. Marzahn steht auch noch für einen zweiten wichtigen Aspekt: die Versorgungssicherheit. Denn ein Gaskraftwerk liefert auch dann zuverlässig Strom und Wärme,  wenn die volatile Energie aus Sonne und Wind nicht zur Verfügung steht. Die Turbine wird in unserem Werk an der Huttenstraße in Moabit gebaut. Man kann also sagen: aus Berlin, für Berlin. Vor diesem Hintergrund freuen wir uns natürlich besonders, dass sich Vattenfall beim Heizkraftwerk Marzahn für Siemens entschieden hat.

Das neue Heizkraftwerk soll mehrere hunderttausend Haushalte im Ostteil der Stadt mit Wärme versorgt und ist entsprechend groß geplant. Dabei setzt man bei der Energiewende doch mehr als je zuvor auf dezentrale Lösungen. Besteht da zwischen dem Anspruch und dem Bauvorhaben nicht ein Widerspruch?

Gunther Müller: Die Forderung der dezentralen Energie- und Wärmeversorgung, größere Wärmeerzeugungsanlagen durch viele kleinere zu ersetzen, ist für eine Metropole wie Berlin wenig sinnvoll. Wir haben hier ein sehr gut ausgebautes und hocheffizientes Fernwärmesystem, mit dem wir bei hohen Klimaschutzstandards viele Kunden gleichzeitig erreichen können. Das sehen nicht nur wir bei Vattenfall so, das bewertete  auch die Klima-Enquetekommission des Abgeordnetenhauses so. Wir wollen Berlin bei der Umsetzung der Energiewende und insbesondere der Wärmewende unterstützen. Wir wollen Berlin zu einem großen Speicher für regenerative Energien machen, die dann so genutzt werden, wie es die Stadt braucht. Das schaffen wir in allen Bereichen, sei es in der Lade-Infrastruktur für E-Mobilität oder der nachhaltigen Energie- und Wärmeversorgung, nur mit der Stadt Berlin und starken Partnern wie Siemens.

Udo Niehage: Was die innerstädtische Erzeugung von Erneuerbaren angeht, sollte man realistisch bleiben. Photovoltaik ja, aber provokant gesagt: Man kann nicht den Deutschen Dom abreißen, um dort ein Windrad aufzustellen. Wir sollten uns auf die Potentiale konzentrieren, die das Umland dabei bietet und diese Energie für den Ballungsraum Berlin nutzbar machen. Mein Eindruck ist, dass auch die neue Koalition in diese Richtung denkt. Siemens ist in einem guten, offenen Dialog mit dem Regierenden Bürgermeister und bringt sich als Unternehmen mit 11 500 Arbeitsplätzen und einer 168-jährigen Tradition in Berlin in die Energiediskussion ein. Ein Gespräch mit Wirtschaftssenatorin Pop hat es wegen Terminschwierigkeiten noch nicht gegeben. Generell fühlt sich Siemens in Berlin sehr willkommen. Unabhängig davon treibt der Standort weiterhin die Digitalisierung der Fertigung voran. Mit Investitionen in Zukunftstechnologien, wie zum Beispiel in die Brennertechnologie und moderne Testverfahren stellt sich der Standort für die Zukunft auf.

Wenn alles nach Plan läuft wird das neue Heizkraftwerk in Marzahn Jahrzehnte laufen. Der Markt wird sich in dieser Zeit rasant weiter entwickeln. Wie gehen Sie mit dem Spagat um, sowohl langfristig denken zu müssen als auch auf die aktuellen Veränderungen reagieren zu müssen?

Udo Niehage: Siemens beschäftigt sich bereits sehr mit der Frage, wie man regenerative Energien mittels  intelligenter Netze und Steuerungen so einsetzt,  dass das Energieangebot und die Nachfrage nach Strom und Wärme in einer Metropole in Einklang gebracht werden. Berlin ist dafür ein wichtiger Standort, hier produziert Siemens im alten „Messgerätewerk“ die Elektronikgeräte für die Netzautomatisierung. Die Kooperation mit Vattenfall ist dabei wichtig – und macht im Übrigen großen Spaß. Was wir hier in Berlin lernen, können wir auch in andere Ballungszentren übertragen. Man darf aber nicht vergessen: Es kommen zwar 30 Prozent der Energie heute aus Erneuerbaren, aber 70 Prozent stammen noch aus konventionellen Kraftwerken. Wenn wir 2022 aus der Kernkraft aussteigen, gibt es zwei Alternativen. Entweder man speichert Strom aus erneuerbaren Quellen, oder man erzeugt Strom möglichst CO2-arm in Gaskraftwerken für die Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Gunther Müller: Wir haben keine Angst vor Wettbewerb, den sind wir seit Jahrzehnten gewöhnt und sind dort auch erfolgreich unterwegs.  Denn neben unseren großen KWK-Anlagen bieten wir seit Jahren auch dezentrale Lösungen an, das ist für uns nichts Neues. Die Märkte in großen Städten wie Berlin sind heute dynamischer als je zuvor. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sich laut Studien der Wärmeverbrauch Berlins trotz Zuzugs auf mittlere Sicht halbieren wird. Grund ist der bessere energetische Zustand der Gebäude. Andererseits werden Öl- und Gasheizkessel, die noch über 60 Prozent der Wärmeversorgung der Stadt ausmachen, mangels Effizienz keinen Bestand haben. Gutachten für die Energie-Enquete des Abgeordnetenhauses prognostizieren deshalb eine Verdoppelung des Marktanteils der Fernwärme. Wir müssen an der Stelle auch auf die Wirtschaftlichkeit und auf die Preisstabilität für unsere Wärmekunden achten. Wir wollen den Berlinern aber auch klarmachen, was wir bereits jetzt leisten und welches Potential wir für die zukünftige klimafreundliche Wärmeversorgung bei Vattenfall haben.

Am Rande der Zusammenkunft im Heizkraftwerk Mitte – von links: Alfons Benzinger / Siemens, Thomas Rogalla / Berliner Zeitung, Thomas Funke / Vattenfall, Udo Niehage / Siemens, Gunther Müller / Vattenfall, Foto: Vattenfall

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